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Incel-Querfront Das Manifest zum „antikapitalistischen“ Incel-Terror von Montréal

Ein Mann tötet in einem jüdischen Viertel Montréals einen Anwohner und einen Polizisten. Sein Manifest verbindet Incel-Hass mit antikapitalistischer Sprache und antisemitischen Feindbildern. Ein ideologischer Hybrid, der aus bekannten Kategorien fällt und genau deshalb ernst genommen werden muss.

 
Symbolbild (Quelle: Unsplash)

Am Montag sind in einem jüdischen Viertel Montréals drei Menschen ums Leben gekommen. Laut Polizei handelt es sich bei den Toten um einen Anwohner, einen Polizisten und den mutmaßlichen Täter. Eine Polizistin wurde verletzt. Der Angriff hat in Kanada Entsetzen ausgelöst, wo schwere Gewalttaten dieser Art selten sind. Laut Polizeichef Fady Dagher sei es das erste Mal seit 24 Jahren, dass ein Polizist in Montréal im Dienst getötet wurde: „Es ist ein sehr, sehr trauriger Tag. Es ist ein Albtraum.“

In sozialen Netzwerken kursieren Aufnahmen, die den Verdächtigen in Militäruniform zeigen, mit einem Gewehr, am Boden liegend. Vor seiner Tat veröffentlichte der Täter ein über 100 Seiten langes Manifest, das Belltower.News vorliegt: ein akademisch verkleidetes Mobilisierungsdokument, das zur Fortführung politischer Gewalt aufruft.

Neuer Hybrid: Incel-Ideologie, Antikapitalismus und Antisemitismus

Dabei fällt das Manifest aus bekannten Kategorien heraus. Der Autor distanziert sich von anderen Terroristen. „Our terror is not like that“, heißt es. Sein Krieg richte sich nicht gegen die Massen, sondern gegen die vermeintlich Mächtigen.

Doch diese Selbst­positionierung ist Teil einer ideologischen Konstruktion, die Incel-Ideologie, antikapitalistische Rhetorik und antisemitische Verschwörungsnarrative zu einem neuen Hybrid zusammenfügt. Der Täter zitiert Karl Marx, Lenin, Robespierre und Ulrike Meinhof. Was er daraus baut, beginnt allerdings nicht mit Revolution, sondern mit Selbstmitleid.

Die Grundlage seiner Argumentation über die „Verkommenheit des Weibes” und die Übel der feminisierten Gesellschaft sind streng biologistisch und geschlechtsessentialistisch. Ausgehend von Evolutionsbiologie und -psychologie spricht er über die grundlegenden Unterschiede von Männern und Frauen, und deren angebliche Rolle bezüglich der Reproduktion. Die Existenz von trans Personen leugnet er, genauso wie dass es Unterschiede zwischen dem biologischen und sozialen Geschlecht gibt, währenddessen echauffiert er sich immer wieder über die LGBTQ-Bewegung. Der Hass auf Gender Studies und Kritik an patriarchalen Geschlechternormen erweist sich immer wieder als zentraler Punkt regressiver Ideologien.

Problem „hypergame“ Frau

Das Fundament des Manifests ist das Konzept des „Hypergamy State”, wonach Frauen ausschließlich attraktive, groß gewachsene Männer begehren würden – sogenannte Chads, die circa 20 Prozent der männlichen Bevölkerung ausmachen. Der Täter von Montréal begründet dies evolutionsbiologisch. Männer würden sich mit so vielen Frauen wie möglich paaren wollen, Frauen jedoch nur mit genetisch überlegenen Männern, die gesunde Nachkommen garantieren würden.

Für den Täter ist die heterosexuelle monogame Beziehung – Incels meinen damit immer die Unterwerfung der Frau – etwas, was Männern tatsächlich Erfüllung bringt. Wie Incels generell macht er die romantische und sexuelle Bestätigung durch Frauen zur Grundlage einer glücklichen Existenz, um Frauen anschließend dafür zu hassen, dass sie diese Incels verweigern würden.

Ein roter Faden im Manifest ist, dass die Gesellschaft lange Zeit ausschließlich von Männern geprägt und entwickelt worden sei. Diese glückliche, patriarchale Zivilisation, in der mehr oder weniger jedem Mann eine treusorgende Tradwife zur Seite steht, ist jedoch inzwischen auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Generell ist sein Bild von Frauen das für Incels typische: Sie würden aufgrund ihres Geschlechts permanent Vorteile erhalten, seien oberflächlich, materialistisch, beliebt, hätten keinerlei Probleme bei sozialen Interaktionen und seien ausschließlich von „Hypergamie” motiviert. Seine mäandernden und pseudointellektuellen Ergüsse sind außerdem geprägt von einem tief sitzenden und für Incels üblichen Hass auf selbstbestimmte weibliche Sexualität (interessanterweise erkennt er an, dass sexuelle Gewalt existiert, die würde aber primär von Männern wie Andrew Tate ausgehen).

Kapitalismus gegen Monogamie 

Schuld an alledem sei nicht, wie man es meist bei Incel und anderen Rechtsterroristen erwarten würde, der Feminismus, sondern der Kapitalismus. Denn erst im „Hochkapitalismus” sei die Monogamie abgeschafft und durch Hypergamie ersetzt worden, so schreibt der Täter von Montréal.

Die Frau könne nun ihren niederen biologischen Instinkten folgen und sich ausschließlich auf die Jagd nach Chads fokussieren, während die anderen 80 Prozent der Männer dazu verdammt seien, leer auszugehen oder sich um jene verkommenen Weiber zu streiten, die ihren „sexuellen Marktwert“ bereits aufgegeben, also Sex mit mehreren Männern hatten. Für Incels ist der „Wert“ einer Frau untrennbar an das patriarchale Konstrukt der Jungfräulichkeit gekoppelt.

Frauen sind für Incels inhärent „hypergam“: Ihr Begehren ist daran gekoppelt, ob Männer ihnen einen gesellschaftlichen „Statusaufstieg“ versprechen können. Dies seien für den Täter primär wohlhabende Männer, die freie Auswahl auf dem Dating-Markt haben. Konkret bedeutet das: Der proletarische Mann geht leer aus im Wettbewerb um die Ladys.

Frauenhass und Klassenkampf

Es gibt in der traurigen Gedankenwelt des Täters „drei Klassen“ von Menschen: Männer, die von Frauen begehrt werden, dann Frauen, und dann der Rest der Männer. Ähnlich wie andere Incels richtet sich sein Hass nicht nur gegen Frauen, sondern auch die Männer, die innerhalb der Geschlechterhierarchie (vermeintlich) über ihm stehen. Wie auch die Täter von Santa Barbara oder Toronto (2018) echauffiert er sich über deren glückliches Leben und einfachen Zugang zu Frauen und Intimität. Anstatt jedoch zu realisieren, dass sie unter das fallen, was die Geschlechterforscherin Raewynn Connell als „komplizenhafte Männlichkeit” analysiert, also dass sie nach wie vor vom Geschlechterverhältnis profitieren, weil sie heterosexuelle cis Männer sind, betrachten sich Incels grundlegend als Opfer, weil sie eben keinen Sex haben. Deswegen müssten sie, so die Logik von Incels, gegen die „Chads“ aufbegehren und diese töten, um Zugang zu Frauen zu bekommen. Auch der Mörder von Toronto, dessen Anschlag zehn Menschen zum Opfer fielen, hatte in seinem Polizeiverhör Ähnliches über eine „Incel-Revolution“ von sich gegeben.

Marx ohne Materialismus

Für den Montréal-Täter ist der Kapitalismus die treibende Kraft hinter der Frauenemanzipation – womit er komplett ausblendet, dass Frauen sich jede Form der Beteiligung innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft gegen massiven Widerstand von Männern erkämpfen mussten. Auch ignoriert er, dass gerade proletarische Frauen in der Regel immer zusätzlich zur Hausarbeit der bezahlten Lohnarbeit nachgehen mussten, um eine Familie zu ernähren. Dennoch kommt er auf die gleiche Conclusio wie seine rechtsextremen Kollegen: Weil Frauen nicht mehr an den Herd verdammt sind, sondern in die Universitäten und Betriebe gehen, sinken die Geburtenraten und somit beginnt der Untergang der westlichen Zivilisation.

Marxismus ist seine „Analyse“ deswegen noch lange nicht, im Gegenteil. Anders als der Marxismus argumentiert der Attentäter nicht materialistisch, also davon ausgehend, dass der Mensch Resultat gesellschaftlicher Umstände ist, das „Sein das Bewusstsein“ bestimmt – sondern streng evolutionsbiologistisch. Auch behauptet er, Kapitalismus hätte den Feminismus vorangetrieben, anstatt die Tatsache anzuerkennen, dass dieser auf der sogenannten „doppelten Vergesellschaftung“ beruht, also der Ausbeutung von Frauen sowohl als Produzentin von Mehrwert, als auch spezifisch als Frau die als solche ausgebeutet wird (unbezahlte Hausarbeit, schlecht bezahlte „weiblich konnotierte“ Berufe, die Sexindustrie, etc pp). Mit dem materialistischen Feminismus gibt es eine ganze vom Marxismus beeinflusste feministische Strömung, die aufzeigt, dass Kapitalismus und Patriarchat untrennbar miteinander verwoben sind – aber auch, dass das Bekenntnis zum Sozialismus keine Absolution für Sexismus und Misogynie ist.

Marxist Incels”

Diese vulgär-marxistische, aber gleichsam extrem misogyne und auf patriarchalem Anspruchsdenken basierende Lesart des Geschlechterverhältnisses ist innerhalb der Incel-Bewegung nichts Neues, auch wenn sie nicht weitverbreitet ist. Für die meisten Incels geht es primär um die Attraktivität von Männern; der sehr reiche Incel-Attentäter von Santa Barbara hat zum Beispiel 2014 in seinem Manifest sehr elaboriert darüber geklagt, trotz  seines Vermögens keine Frau für sich begeistern zu können, da diese ausschließlich triebhafte Macho-Männer begehren würden. Ein wiederkehrender Punkt innerhalb der Incel-Bewegung ist die Forderung nach „state-mandated Girlfriends”, also Partnerinnen, die von einem Verwaltungsstaat allen Männern „zugeteilt” werden.

Frauen sind für diese „Marxist Incels“ Produktionsmittel, die aus den Händen der herrschenden Männer-Klasse gerissen und auch für die Incels ohne Zugang zum weiblichen Leib kollektiviert werden müssen. Innerhalb dieser Incel-Nische ist auch eine starke Verklärung von Stalin auffällig, da dieser die feministischen Errungenschaften der frühen Sowjetunion wie das Recht auf Abtreibung und Scheidung stark zurückgeschraubt hatte. Mit tatsächlich marxistischer Theorie und vor allem materialistischem Feminismus hat das alles wenig zu tun – bereits Friedrich Engels war ein vehementer Verfechter der Frauenfrage.

Zur „Male Loneliness Epidemic”

Bereits zu Beginn des Schriftstücks lamentiert der Täter über das, was weitestgehend als die „Male Loneliness Epidemic” charakterisiert wird: die Vereinsamung von Männern. Dabei sind prekarisierte Menschen aller Geschlechter, weibliche und queere Senior*innen und vor allem alleinerziehende Mütter Bevölkerungsgruppen, die wesentlich stärker von Einsamkeit betroffen sind als junge Männer.

Auch hier nimmt er zwar durchaus richtig den Kapitalismus mit in Verantwortung, aber anstatt progressive Alternativen wie Community Care und Solidarität aufzuzeigen, ergießt er sich in misogynen Narrativen über bösartige Frauen, die Männer alleine lassen oder durch ihren Wunsch nach Selbstbestimmung systematisch Gewalt zufügen würden, weil Frauen nun einmal verkommene Wesen sind. Diese vermeintliche Bösartigkeit als Schuld an der Einsamkeit von Männern führt er über Seiten hinweg aus; dabei ignoriert er die Omnipräsenz und den systematischen Charakter patriarchaler Gewalt gegen Frauen und Queers. Es ist die für Incels typische Täter-Opfer-Umkehr, um Misogynie zu legitimieren. Letztendlich muss für ihn die Verfügungsgewalt über Frauen herhalten, um das Problem männlicher Isolation zu reparieren. Frauen sind für Incels nämlich weniger Subjekte, als projektiv aufgeladene Austragungsflächen für ihre eigenen Unsicherheiten und Probleme: Sobald die durch den Kapitalismus verursachte Hypergamie vorbei ist und Männer eine garantierte Partnerin haben, sind sie wieder glücklich.

„Die Judaeo-Bourgeois-Klasse“

Der Antisemitismus des Täters ist nicht vulgär-rassistisch, sondern quasi-marxistisch verpackt. Er schreibt, die westliche Herrschaftsklasse sei so stark von zionistischen Jüdinnen und Juden durchzogen, dass er sie als „Judaeo-bourgeois class“ bezeichne.

„Zionisten“ tauchen sodann auch auf seiner expliziten Zielliste auf, gemeinsam mit BlackRock, Blackstone, IBM, Microsoft und Boeing. Die Entscheidung, ein jüdisches Viertel Montréals anzugreifen, ist vor diesem Hintergrund keine zufällige: Sie ist ideologisch vorbereitet, ohne dass das Manifest offen zum Angriff auf jüdische Zivil­bevölkerung aufgerufen hätte. Der Mechanismus, Antisemitismus als Klassenkritik zu tarnen, ist aus der Geschichte der europäischen Linken wie der frühen Nationalsozialisten bekannt. Er ist nicht weniger gefährlich, weil er differenzierter klingt.

Ein wiederkehrendes Moment in Incel-Foren und der Manosphere generell ist, Jüdinnen*Juden für die Verbreitung von Pornographie verantwortlich zu machen; ein Rekurs auf den Nationalsozialistischen Topos des Juden als Zuhälter und Pornograf. Jüdinnen*Juden, so die These, würden Männer pornoabhängig machen wollen, um so eine maskulinistische Revolution zu verhindern. Die Sexindustrie wird hier also nicht aus feministischer Perspektive kritisiert, sondern aus einer kruden Mischung aus Antisemitismus und Männlichkeitsdenken. Möglicherweise ist es kein Zufall, dass sich die Büros von Aylo, der Muttergesellschaft von PornHub, der weltweit größten Pornografie-Website und deren Tochtergesellschaften, in unmittelbarer Nähe des Tatorts befinden..

Akzelerationistische Logik ohne Rassenkrieg

Das Manifest folgt einer dezidiert akzelerationistischen Gewalttheorie, allerdings nicht in der Linie früherer Täter wie Breivik oder Tarrant, mit dem Ziel eines Rassenkriegs. Der Akzelerationismus des Täters ist Incel-marxistisch, denn das gegenwärtige System habe ein „Zeitlimit“, sein Kollaps sei materiell zwingend, weil der Kapitalismus die „gewöhnlichen Männer“ (die 80 Prozent, die keine Frauen abkriegen) immer weiter ausplündere. Gewalt beschleunige diesen Prozess. Der Incel-Revoluzzer soll sich für den kommenden Aufstand körperlich und geistig stählen, Waffen organisieren und sich mental darauf vorbereiten, potentiell Verbrechen bis hin zu Terrorakten zu begehen. Praktischerweise liefert er auch eine Liste möglicher Ziele: CEOs, Politiker*innen, die Porno-Industrie, aber auch ganz normale Frauen. Er schlägt Nachahmern vor, Dates zu vereinbaren und dann Femizide zu begehen. Was das Manifest darüber hinaus von bisherigen Incel-Texten unterscheidet, ist eine explizite Taktik ideologischer Camouflage: Die „revolutionäre Avantgarde“, die nach dem Kollaps, dem „Tag X” die Macht übernehmen soll, wird ausdrücklich angehalten, ihre eigentliche Agenda zu verschleiern und je nach Kontext als konservativer Sozialismus, Duginismus, Kommunismus oder islamische Theokratie aufzutreten. Der Täter schreibt ein Programm der Unterwanderung, das weit über das hinausgeht, was Sicherheitsbehörden bislang dem Incel-Spektrum zugerechnet haben. Es ist ein Appell zur Incel-Querfront.

Am Ende des Manifests legt der Täter seine Idealvorstellung einer Gesellschaft offen: eine Art patriarchaler Staatssozialismus, in dem Frauen von jedem öffentlichen Leben ausgeschlossen sind und in dem jedem Mann eine unterwürfige und abhängige Partnerin garantiert ist. Paramilitärische Einheiten und eine Geheimpolizei haben die Aufgabe, jede Form der Abweichung direkt zu sanktionieren. Um dieses Ziel zu erreichen und somit Rache an der narzisstischen Kränkung Sexlosigkeit zu nehmen, fordert er seine Leser auf: „Tötet sie alle”. Seine Ideologie könnte dem „guten Leben für alle” und einer durch kollektive demokratische Basis-Organisation erreichten Überwindung des Kapitalismus, den libertäre Kommunist*innnen fordern, ferner nicht sein.

Was bleibt

Ein Anwohner ist tot. Ein Polizist ist tot. Eine Polizistin wurde verletzt. Für die jüdische Gemeinschaft Montréals bedeutet dieser Anschlag, dass ein Viertel, das ihr gehört, zur Projektionsfläche eines ideologischen Systems geworden ist, das ihren Tod als legitimes Ziel beschreibt, verkleidet in Klassen- und Kapitalismuskritik.

Dieser Hybrid aus Incel-Ideologie, pseudo-marxistischer Sprache und antisemitischer Rahmung ist keine bizarre Einzelerscheinung, sondern das Symptom einer Bewegung, die in Online-Räumen seit Jahren wächst und deren Schnitt­stellen zur institutionellen Linken wie zur Rechten analytisch noch kaum erfasst sind.

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