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Rassismus 2025 Wenn Menschenfeindlichkeit wieder „normal“ wird

Das Jahr 2025 hat gezeigt, wie normalisiert Rassismus verhandelt wird, sprachlich, politisch und institutionell.

 
In Oldenburg hat ein Polizist den 21-jährigen Schwarzen Lorenz A. mit Schüssen von hinten getötet. (Quelle: picture alliance / Hauke-Christian Dittrich | Hauke-Christian Dittrich)

Am 29. Januar 2025 fand erstmals ein Antrag im Bundestag mit Stimmen der AfD eine Mehrheit. Der Tabubruch lag weniger im Inhalt als im Signal: Grenzverschiebungen sind parlamentarisch anschlussfähig geworden.

Der Bundestagswahlkampf 2025 machte sichtbar, wie stark sich politische Prioritäten verschoben haben. Migration wurde über weite Strecken nicht als soziale oder rechtliche Frage verhandelt, sondern als Sicherheitsrisiko. Mit 20,6 % wurde die AfD zweitstärkste Kraft, nicht trotz, sondern auch wegen dieser Rahmung.

Das Attentat von Aschaffenburg im Januar 2025 wurde dabei zum Katalysator. Obwohl die Nationalität des Täters für die Motivlage keine belegte Rolle spielte, wurde sie öffentlich zentral gesetzt. CDU- und AfD-Vertreter sowie rechte Medien stellten eine direkte Verbindung zwischen Tat und Migration her. Sicherheit fungierte als moralische Rechtfertigung für politische Härte.

Politik, Sicherheit und die Verschiebung des Sagbaren

Rassismus tritt dabei nicht als klar abgegrenzte Kategorie auf, sondern als Deutungsrahmen, der bestimmt, wessen Sicherheit zählt, wessen Erfahrungen glaubwürdig sind und wessen Anwesenheit als Problem markiert wird. Genau darin liegt seine gesellschaftliche Wirkmacht – und auch seine begriffliche Unschärfe.

Diese Unschärfe ist kein Zufall. Sie ist Teil der Debatte.

Stadtbild, Normalität und die Frage der Zugehörigkeit

Diese Logik setzte sich im Herbst fort. Die sogenannte Stadtbild-Debatte im Oktober war kein Ausrutscher, sondern Konsequenz. Als der Bundeskanzler Rückführungen als Lösung für ein angebliches „Stadtbildproblem“ benannte, wurde nicht über Architektur gesprochen, sondern über Zugehörigkeit.

Auffällig war weniger der Inhalt als die Selbstverständlichkeit. Begriffe wie „normal“, „vernünftig“ oder „Sorge“ fungierten als Abwehrbegriffe gegen Rassismuskritik. Wer widersprach, galt als überempfindlich oder realitätsfern. So verschob sich der Diskurs: Nicht die Abwertung musste erklärt werden, sondern ihre Benennung.

Dass Bundestagspräsidentin Julia Klöckner Kritik daran als „bösartige Unterstellung“ bezeichnete und zwischen „normalen Leuten“ und anderen unterschied, machte diese Verschiebung sichtbar. „Normalität“ wurde zum politischen Maßstab und zum Ausschlussinstrument.

Öffentlichkeit, Solidarität und selektive Empörung

Auch gesellschaftliche Reaktionen folgten bekannten Mustern. Öffentliche Solidarität gegen rassistische Gewalt war sichtbar, medial wirksam und oft ehrlich gemeint. Gleichzeitig zeigte sich erneut, wessen Stimmen Gehör finden.

Düzen Tekkal benannte diese Leerstelle deutlich: Viele, die jetzt laut wurden, hatten geschwiegen, als migrantische Journalistinnen, Aktivistinnen und Menschenrechtsverteidigerinnen jahrelang bedroht wurden. Das Problem ist nicht Engagement, sondern ungleiche Resonanz.

Migrantisierte Frauen beschreiben diese Dynamik seit Langem: Gewalt ist für sie keine abstrakte Debatte, sondern Alltag, oft an der Schnittstelle von Rassismus und Sexismus. Wenn diese Perspektiven im Sicherheitsdiskurs fehlen, bleibt die Analyse unvollständig.

Hier setzt die Kampagne „meine Sicherheit – deine Sicherheit“ der Amadeu Antonio Stiftung an. Sie widerspricht der Vorstellung, Sicherheit lasse sich durch Ausschluss herstellen, und macht sichtbar: Wenn bestimmte Gruppen systematisch weniger geschützt sind, betrifft das die Gesellschaft insgesamt.

Kontinuitäten: 1990, 2020, 2025

Die Entwicklungen des Jahres stehen nicht isoliert. Sie folgen einem Muster.

1990 wurde Amadeu Antonio von Neonazis zu Tode geprügelt. Polizei und Justiz versagten. Rassistische Gewalt galt als Randproblem.

2020 ermordete ein Rechtsterrorist in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven. Warnungen waren bekannt, Notrufe unbeantwortet. Die Angehörigen kämpfen bis heute um Aufklärung.

2025 starb erneut ein Schwarzer junger Mann nach einem eskalierten Polizeieinsatz. Wieder war von Einzelfällen die Rede. Wieder setzte ernsthafte Aufarbeitung erst nach öffentlichem Druck ein.

Diese Fälle unterscheiden sich im Kontext – nicht im Muster. Rassismus wirkt hier nicht nur individuell, sondern institutionell: durch Wegsehen, Entpolitisierung und ungleiche Schutzversprechen.

Unterschiedliche Erscheinungsformen, ein gemeinsames Problem

Ob antiziganistische Berichterstattung, antimuslimische Gewalt, antikurdische Bedrohungen oder rassifizierte Zuschreibungen gegenüber MENA („Middle East and North Africa“)-gelesenen Menschen: Die Ausprägungen und Täter*innen sind unterschiedlich, die Mechanik ist ähnlich.

Menschen werden auf kollektive Merkmale reduziert. Gewalt wird relativiert oder externalisiert. Institutionen reagieren spät oder defensiv. Betroffene müssen Öffentlichkeit herstellen, um überhaupt ernst genommen zu werden.

Die Frage, was genau unter Rassismus fällt und wo Diskriminierung beginnt, lässt sich dabei nicht abschließend klären und genau das ist Teil der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Entscheidend ist nicht die perfekte Definition, sondern die reale Wirkung: Wer ist gefährdet? Wer wird gehört? Wer bleibt ungeschützt?

Fazit

2025 hat gezeigt: Rassismus in Deutschland ist kein Randphänomen und kein Problem falscher Begriffe. Er ist ein strukturelles Sicherheitsproblem. Er entscheidet darüber, wessen Leben als schützenswert gilt und wessen Tod erklärungsbedürftig wird.

Solange Debatten erst dann kippen, wenn sich die Mehrheitsgesellschaft angesprochen fühlt, und nicht dann, wenn Betroffene warnen, bleibt Rassismus tödlich – leise, normalisiert und politisch anschlussfähig.

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