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Sachsen 2025 Eine erstarkte AfD, verjüngte Neonazi-Szene und eine Zivilgesellschaft unter Druck

Jahresrückblick: Sachsen erlebt 2025 eine weitere Verschiebung nach rechts: Die AfD dominiert Wahlen und nutzt ihre Positionen, um politischen Gegner*innen Druck zu machen. Parallel mobilisieren Neonazi-Gruppen zunehmend jünger, vernetzter und strategischer. Doch trotz der wachsenden Bedrohung bleibt die demokratische Zivilgesellschaft aktiv.

 
Die bedeutendste extrem rechte Mobilisierung in Sachsen fand im Februar anlässlich des 80. Jahrestages der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg statt. (Quelle: democ)

Das Spektrum der extremen Rechten in Sachsen bleibt auch im Jahr 2025 vielfältig und breit aufgestellt. Neben der AfD als mit Abstand stärkster rechtsextremer Partei agieren weiterhin zahlreiche neonazistische Gruppierungen, neurechte Netzwerke, ein gefestigtes verschwörungsideologisches Milieu, Reichsbürger-Strukturen, völkische Siedler*innen sowie eine nach wie vor aktive Rechtsrock-Szene.

Bei den Bundestagswahlen am 23. Februar 2025 erreichte die AfD in Sachsen 37,3 Prozent und lag damit klar vor der CDU (19,7 Prozent). Bei Europa- und Bundestagswahlen ist sie seit Jahren die stärkste politische Kraft im Freistaat. Ihre Hochburgen liegen vorwiegend  im Osten Sachsens, etwa in den Landkreisen Görlitz, Bautzen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sowie im Umland von Dresden. Im Sächsischen Landtag stellt die AfD die zweitgrößte Fraktion nach der CDU und ist in allen Ausschüssen vertreten. Bemerkenswert ist, dass AfD-Abgeordnete den Vorsitz von vier Landtagsausschüssen innehaben, darunter dem Innenausschuss sowie dem Haushalts- und Finanzausschuss, beide gelten als besonders einflussreich.


Michael Nattke beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit organisiertem Neonazismus und rechten Einstellungen in Sachsen. Seit 2009 arbeitet er beim Kulturbüro Sachsen e.V., dem Träger der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Bundesland.


Im Jahr 2025 zeigen sich zudem deutliche Professionalisierungseffekte. Die AfD nutzt die parlamentarischen Abläufe zunehmend strategisch: Mit der Einsetzung eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu SARS-CoV-2 und COVID-19 sowie einer Vielzahl an Kleinen Anfragen inszeniert sie sich im Landtag als „kontrollierende Kraft“ und versucht gleichzeitig, politische Gegner zu diskreditieren. Ein zentrales Feindbild bleibt die sächsische Staatsministerin Petra Köpping (SPD), deren Ressort sowohl für die Kinder- und Jugendhilfe als auch für Programme der politischen und demokratischen Bildung verantwortlich ist.

Auch auf kommunaler Ebene gelingt es der AfD immer wieder, temporäre Mehrheiten zu ihren Gunsten zu organisieren. In Meißen stimmten AfD, CDU, FDP und Freie Bürger beispielsweise gemeinsam dafür, die Förderung des zivilgesellschaftlichen Vereins „Buntes Meißen“, der Geflüchtete unterstützt, zu streichen. Ein ähnlicher Fall ereignete sich in Wurzen (Landkreis Leipzig), wo die AfD und Abgeordnete weiterer Parteien den sogenannten „Sitzgemeindeanteil“ für das „Netzwerk für demokratische Kultur Wurzen“ (NDK) verweigerten. Eine Entscheidung, die den Verein finanziell massiv belastet. Ohne diesen kommunalen Anteil kann das NDK seine Landesmittel nicht abrufen, die der Verein dringend braucht.

Im Landkreis Bautzen forcierte Landrat Udo Witschas (CDU) den Ausstieg aus den „Partnerschaften für Demokratie“ („Demokratie leben!“) und agierte damit klar im Sinne der AfD. Bereits 2024 hatten CDU- und AfD-Kreisräte gemeinsam die Abschaffung des Integrations- und Ausländerbeauftragten im Landkreis Bautzen beschlossen. In den meisten anderen Kommunalparlamenten in Sachsen ist bisher keine Zusammenarbeit von demokratischen Parteien mit der AfD bekannt.

Trotzdem wurde in mehreren ländlichen Regionen Sachsens ein gesellschaftlicher Kipppunkt erreicht. Mit dem Aufstieg der AfD hat sich die politische Kultur spürbar verändert. Menschen, die Rassismus erfahren, ebenso wie politische Gegner*innen der AfD stehen unter hohem Druck, sind verstärkten Anfeindungen und teils auch Angriffen ausgesetzt. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in demokratische Institutionen und parlamentarische Lösungswege weiter ab.

Parallel zur AfD bleiben neonazistische Akteure präsent. Gruppen wie die Freien Sachsen haben auch 2025 zahlreiche Demonstrationen organisiert, wenngleich deren Anzahl gegenüber den Vorjahren rückläufig ist. Die bedeutendste extrem rechte Mobilisierung fand im Februar anlässlich des 80. Jahrestages der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg statt: Mehr als 2.500 Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet und aus Teilen Europas nahmen teil. Der 13. Februar bleibt damit ein bundesweit zentraler Termin der extremen Rechten.

An mehreren Orten riefen die Freien Sachsen zudem gezielt dazu auf, kommunale Gremiensitzungen zu besuchen und begleitend asylfeindliche Demonstrationen anzumelden. In Hartha (Landkreis Mittelsachsen) mobilisierten sie im September zweimal bis zu 200 Personen, während der Stadtrat über die Unterbringung von Asylsuchenden debattierte. Die Stimmung war von aggressiver Rhetorik, rassistischer Hetze und einer deutlichen Delegitimierung politisch Verantwortlicher geprägt. Diese Eingriffe schufen ein Klima der Angst und setzten demokratisch gewählte Kommunalpolitiker*innen erheblich unter Druck. Vereinzelt versuchten die Freien Sachsen zudem, lokale Proteste gegen neue Windkraftanlagen, wie etwa in Borna (Landkreis Leipzig), für ihre Agenda zu instrumentalisieren.

Jungnazis in Sachsen

Wie in anderen Bundesländern hat auch in Sachsen eine Verjüngung der aktiven Neonazi-Szene stattgefunden. Unter Namen wie „Chemnitz Revolte“, „Urbs Turium“ in Bautzen oder „Gorelic Resista“ in Görlitz traten 2025 mehrere jugendaffine Gruppierungen auf. Allein oder in Kooperation mit der JN (Jugendorganisation der Partei „Die Heimat“) oder der Nationalrevolutionären Jugend des „III. Weges“ beteiligten sie sich an Demonstrationen oder inszenierten sich auf Social-Media-Kanälen.

Besonders häufig mobilisierten sie gegen CSD-Veranstaltungen. Höhepunkt blieb, wie schon im Vorjahr, die extrem rechte Demonstration in Bautzen: Unter dem Motto „Mann und Frau – das wahre Fundament des Lebens“ versammelten sich rund 400 Anhänger*innen aus Sachsen, Südbrandenburg und Berlin. Vor Ort sichtbar waren auch die Freien Sachsen, die JN sowie die Gruppe Deutsche Jugend Voran. Allerdings waren sowohl die Organisator*innen des Bautzner CSD als auch die Polizei in diesem Jahr deutlich besser vorbereitet. Dadurch blieb die extrem rechte Mobilisierung weitgehend statisch und im Schatten eines kraftvollen CSDs, an dem mehrere Tausend Menschen teilnahmen.

Zivilgesellschaft im Visier rechtsextremer Akteure

In Bautzen, wie auch in vielen sächsischen Regionen, trifft eine gut vernetzte Neonazi-Szene auf eine engagierte demokratische Zivilgesellschaft. Diese steht jedoch seit Jahren unter enormem Druck. Der Aufstieg der AfD, insbesondere in ländlichen Räumen, führt dazu, dass Vereine und Initiativen verstärkt ins Visier extrem rechter Akteure geraten und immer wieder Anfeindungen erleben. Trotz der Belastungen bleibt der Großteil der demokratischen Zivilgesellschaft jedoch bemerkenswert aktiv und leistet zentrale Arbeit vor Ort: Rechte Aktivitäten bleiben selten unwidersprochen. In Pirna, wo der Oberbürgermeister mit Hilfe der AfD die Wahlen gewonnen hatte, hat sich etwa das Bündnis Solidarisches Pirna gegründet und vernetzt diejenigen im Ort, die dieses Stadtoberhaupt nicht gutheißen.

Damit zivilgesellschaftliche Akteur*innen in Sachsen auch künftig handlungsfähig bleiben, braucht es in den nächsten Jahren allerdings verstärkte Unterstützung. Neben verlässlicher, langfristiger Finanzierung für Demokratiearbeit ist auch klare Rückendeckung durch gesellschaftliche und politische Autoritäten auf Bundes- und Landesebene notwendig – damit rechter Mobilisierung und Einschüchterung weiterhin entschieden widersprochen werden kann.

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