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Clavicular Wie Clip-Farms radikale Ideologie viral machen

Lange Livestreams werden in tausende kurze Clips zerlegt und über TikTok, Instagram oder X verbreitet. Netzwerke aus Fanaccounts und sogenannten Clip-Farms sorgen dafür, dass radikale Inhalte immer wieder im Feed auftauchen. Der misogyne Looksmaxxing-Influencer Clavicular zeigt, wie diese Infrastruktur funktioniert.

 
(Quelle: Screenshot TikTok und Canva)

Rechtsextreme Inhalte verbreiten sich heute nicht mehr nur über einzelne Influencer oder klassische Propagandakanäle. Sie zirkulieren in einer neuen digitalen Infrastruktur, die aus Livestreams, Meme-Kultur und algorithmisch optimierten Kurzclips besteht. Lange Streams werden in Sekundenfragmente zerlegt und über TikTok, Instagram, YouTube oder X massenhaft verbreitet. Diese Praxis, bekannt als „Clip-Farming“, schafft ein System permanenter Wiederholung, das radikale Inhalte normalisieren kann. Denn das witzigste, schockierendste oder krasseste Snippet gewinnt im Kampf auf dem digitalen Aufmerksamkeitsmarkt. Der misogyne Looksmaxxing-Influencer Clavicular ist derzeit ein besonders sichtbares Beispiel für diese Dynamik.

Clip-Farms funktionieren als Verteilungs- und Reichweitenapparat 

Ein einzelner Creator ist nicht mehr auf seinen Hauptkanal angewiesen, zumal der Content durch ein Netzwerk aus Hunderten von Sockenpuppen (mehrere Fake-Accounts, die von derselben Person bespielt werden), Fanprofilen sowie teils bezahlten Akteur*innen rezirkuliert wird. Das System ist dezentral und kaum moderierbar.

Selbst wenn ein Account gesperrt wird, bleibt das Fan-Netzwerk aktiv und verbreitet den Content weiterhin reichweitenstark. Diese Struktur verändert die Ökonomie digitaler Aufmerksamkeit sowie ihre politische Wirkung, denn selbst nicht-virale Inhalte können durch massenhaftes Teilen und Streuen virale Effekte entwickeln. Reichweite entsteht hier nicht mehr nur durch einen einzelnen erfolgreichen Post, sondern durch die koordinierte Wiederholung vieler kleiner Accounts. Plattformalgorithmen interpretieren diese Aktivität als organisches Interesse und verstärken sie entsprechend.

Hinzu kommt ein ökonomischer Hebel: Unabhängige „Clipper“ agieren aus aufmerksamkeitsökonomischem Interesse, denn Reichweite ist selbst monetarisierbar, etwa über Werbeeinnahmen, Affiliate-Programme oder Spenden, und erzeugt sozialen Status innerhalb der Szene. Wer besonders erfolgreiche Clips produziert, kann innerhalb dieser digitalen Milieus schnell Sichtbarkeit und Einfluss gewinnen.

Parallel existieren professionell organisierte Clip-Farms, etwa über Discord koordiniert, die die Produktion und Ausspielung im großen Stil betreiben. Der enorme Output entsteht aus der Mischung einer organischen Fan-Base und bezahlten oder semi-professionellen Akteur*innen, die gezielt darauf hinarbeiten, möglichst viele algorithmusfreundliche Inhalte in Umlauf zu bringen.

Dezentrale Dauerpräsenz als Radikalisierungsbeschleuniger

Clipping Farms spülen kurze Videos in interessierte Nischenöffentlichkeiten, beispielsweise aus Gaming, Fitness, Dating oder Meme-Kultur, um einen Effekt von Dauerbeschallung zu erzeugen. Menschenfeindliche Inhalte scheinen durch Wiederholung akzeptabel. Wer täglich Dutzende Clips eines Creators im Feed sieht, kann durch Vertrautheit eine parasoziale Beziehung entwickeln. Psychologisch wirkt hier der sogenannte Mere-Exposure-Effekt: Durch Wiederholung kann selbst für menschenfeindliche Inhalte Akzeptanz entstehen. Radikale Aussagen verlieren ihre Schärfe, weil sie immer wieder auftauchen, zunächst irritierend, dann vertraut, irgendwann vielleicht sogar plausibel klingend. Ideologie wird dabei in kleine, ästhetisch aufbereitete Häppchen zerlegt und aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst.

So erscheinen die gleichen Botschaften immer wieder in der Timeline: ein Meme hier, ein provokanter Satz dort, ein Skandal, ein scheinbar wissenschaftlicher „Take“. Mit der Zeit entsteht daraus kein einzelner Beitrag mehr, sondern ein permanenter Strom aus Fragmenten. Wie ein Hintergrundrauschen legt er sich über den Feed. Durch Wiederholung, Clipping und das beständige digitale Remixen entsteht ein Radikalisierungsumfeld.

Clavicular als Produkt eines Radikalisierungsumfelds

Der US-amerikanische Influencer Braden Peters, bekannt als Clavicular, ist derzeit ein Beispiel für diese Logik. Der 20-Jährige stammt aus der sogenannten „Looksmaxxing-Szene“, also einem Milieu, das aus Incel-Subkulturen, Blackpill-Ideologie und radikaler Selbstoptimierung hervorgegangen ist und das Ziel verfolgt, körperliche Attraktivität um jeden Preis zu erzeugen.

„Looksmaxxing“ bezeichnet die möglichst radikale Optimierung des eigenen Aussehens, um den eigenen „Marktwert“ zu steigern. In diesen digitalen Räumen werden Körper, Attraktivität und sozialer Wert als biologisch messbar begriffen. Begriffe wie „mogging“, also das optische Dominieren oder Übertreffen anderer Männer; „ascend“, das Aufsteigen in der hierarchischen Rangordnung; oder die „PSL“-Skala, die Menschen von „subhuman“ bis „giga chad“ hierarchisiert, transportieren ein Weltbild, in dem Ungleichheit als naturgegeben gilt.

Clavicular ist in diesem Zusammenhang nicht nur deshalb relevant, weil er solche Deutungsmuster bedient, sondern auch, weil seine Figur sich besonders gut memefizieren, ironisieren und massenhaft verwerten lässt. So ist seine Persona bereits auf digitale Weiterverarbeitung zugeschnitten: radikal in seinem Schönheitswahn und Nihilismus, überzeichnet, provozierend und voller Momente, die sich aus dem ursprünglichen Kontext lösen und in neue Formate übersetzen lassen. Gerade dadurch wird er über seine Szene hinaus anschlussfähig. Dass Clavicular so breit verhandelt wird, liegt daher nicht nur an Zustimmung, sondern an seiner Anschlussfähigkeit als Meme-Figur.

Hinzu kommt, dass er mit seinen fast täglichen mehrstündigen Live-Streams eine  schlichtweg unerschöpfliche Quelle an clipping-tauglichen Momenten liefert. Provokationen, rassistische und misogyn geprägte Aussagen sowie extreme Körperpraktiken wie „Bonesmashing“ (eine Szene-Praxis, bei der durch wiederholte Schläge oder Druck auf Gesichtsknochen eine vermeintlich maskuline Knochenstruktur erzeugt werden soll), ebenso wie der Missbrauch von Steroiden und anderen Substanzen, gehören zum Repertoire. Jeder Stream produziert Hunderte kleiner, verwertbarer Hooks, die dann als eigene kleine Reels „geclippt“ werden können.

Im November 2025 streamte er etwa live, wie er seiner damals 17-jährigen Freundin eine Substanz injizierte, die wie fettlösende Peptide wirkte, und nannte sich dabei „Dr. Clav“. Solche Szenen sind visuell eindeutig, moralisch aufgeladen und ideales Clipmaterial: kurze, schockierende Sequenzen, die sich leicht isolieren, kommentieren und massenhaft weiterverbreiten lassen.

Skandale sind bewusste und intendierte Reichweitenhebel. Ob die Live-Injektion einer minderjährigen Freundin, ein umstrittener Cybertruck-Vorfall, Auftritte mit Akteur*innen der Alt-Right oder Interviews mit rechtsextremen Kommentatoren, jede Kontroverse erzeugt neues Clip-Material, das sich gut über vermeintliche Fan-Accounts verbreiten lässt.

Am 27. Dezember 2025 gab Clavicular dem rechtsalternativen politischen Kommentator Michael Knowles ein Interview für The Daily Wire. Dort erklärte er, er würde den Demokraten Gavin Newsom dem US-Vizepräsidenten JD Vance vorziehen, weil Vance „subhuman“ sei und ein „recessed side profile“ (zurückentwickeltes seitliches Gesichtsprofil) habe. Gleichzeitig stimmte er Knowles’ Verleumdungen von Newsom als „degeneriert“ und „Lügner“ zu, würde aber dennoch für den „Chad“ Newsom stimmen, da dieser attraktiver sei. Hier wird die politische Bewertung vollständig in eine ästhetische Hierarchie übersetzt, ein Beispiel dafür, wie Looksmaxxing-Kategorien in politische Diskurse einsickern.

Livestreams, aus denen geclippt wird, und die Weiterverbreitung der Inhalte greifen ineinander. Man könnte die Strategie auch als dezentrales Mediensyndikat begreifen, das kontinuierlich Aufmerksamkeit generiert.

Auch Sozialdarwinismus und White-Supremacy-Elemente finden eine popkulturelle, clipbare Verpackung. Clavicular inszeniert sich selbst etwa als „unpolitisch“. Doch seine ideologischen Versatzstücke sind anschlussfähig für Rechtsextreme, die bewusst extremere Clips von ihm zirkulieren lassen.

Die Rolle der Clipping-Infrastruktur

Entscheidend ist dabei, dass sich ideologische Elemente nicht als geschlossene Weltanschauung, sondern als algorithmisch optimierte Fragmente verbreiten. Ein Clip über den sogenannten „Canthal Tilt“, also den angeblich objektiv messbaren Neigungswinkel der Augen als Attraktivitätsmerkmal, kann problemlos in eine eugenische Stoßrichtung eingebettet werden. In der Summe entsteht ein kohärentes Weltbild.

Clipping Farms beschleunigen diesen demokratiezersetzenden Prozess, da sie die Ideologie von Verantwortung entkoppeln. Niemand ist offiziell zuständig, niemand übernimmt Verantwortung, und selbst Clavicular kann sich darauf zurückziehen, dass seine Inhalte aus dem Kontext gerissen wurden. Doch das Clipping-Netzwerk normalisiert weiter, mit immer mehr Content, der nach und nach ins Netz geflutet wird.

So gelangen diese Takes auch zu Personen, die selbst nicht mit Clavicular vertraut sind, seine Ideen jedoch über ihre Timeline wahrnehmen. Man könnte hier auch vom Andrew-Tate-Effekt sprechen: Selbst als dieser zeitweise von Plattformen verbannt wurde, lebten seine Inhalte über Hunderte Fanaccounts weiter. Seine Ideen zirkulierten weiterhin im digitalen Raum, breit geteilt und verhandelt.

Damit entsteht eine Infrastruktur rechtsextremer Normalisierung, die weit über die Einzelperson hinausweist. Die Plattformlogik wird strategisch genutzt, um kulturelle Codes in den Mainstream zu tragen, meist unter dem Deckmantel von Satire oder Meme-Kultur. Was wir hier beobachten, ist ein Aufmerksamkeits- und Affektökosystem mit Dauerbeschallung.

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