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Kommentar König Fußball und die Völkerfreundschaft

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Anetta Kahane ist Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung (bis Ende März 2022); Foto: MUT

Thilo Sarrazin hat in seinem neuen Buch der Öffentlichkeit gerade eine Theorie präsentiert, die man verkürzt als „Zurück zum Europa der Vaterländer“ bezeichnen kann. Jedes Land soll demnach der eigenen „Mentalität“ und „Kultur“ folgen und irgendwie für sich selbst wirtschaften, es sei denn es handelt sich um Nordeuropäer, die das Ding mit dem Euro und den Schulden richtig zu schaukeln wissen. Und Deutschland könnte demnach, wenn es nur weiter fleißig spart, sich als Wirtschaftsmacht und Politiktitan endlich auch noch von den Schulden des Holocaust befreien. Nicht so bescheiden sein, nicht sich künstlich fernhalten von der gebotenen Führungsrolle des neuen, starken Deutschland! Weg mit dem Ballast der Schuld. Unterm Strich, sagt Sarrazin als Deutscher, zähl nur ich.

Ob diese Rechnung mathematisch und wirtschaftlich aufgeht, wird man sehen. Doch spricht daraus ein weit verbreiteter Populismus. Vom „Europa der Vaterländer“ als Ethnopluralismus reden die neuen Nazis schon lange. Sie sind für einen reinen, unvermischten Nationalismus in allen europäischen Ländern. Und sogar die Nordkoreaner haben ihre Bewunderung. Auch wenn der südeuropäische Nationalismus einen dunkleren Teint hat, ist er willkommen, solange er bleibt wo er ist und sich nicht mit anderen ethnisch vermischt. Währung, Wirtschaft, Kultur, Mentalität und Gene – alles freilich in Anführungszeichen – soll jedes der Länder für sein Volk kultivieren. Und dann, ab und an kann man sich ja mal treffen und ein paar Erfahrungen austauschen: So geht das mit der Völkerfreundschaft. Hauptsache alle fahren hinterher wieder in ihre Heimat zurück. Bestimmt kannte Sarrazin diesen Ethnopluralismus unserer Nazis nicht und hat auch noch nie von deren Gerede über den „Schuldkult“ gehört.

Kein Wochenende ohne rechtsextreme Krawalle und rassistische Ausschreitungen

Doch zurück zum Fußball. Auch hier wird Europa gefeiert. Polen und die Ukraine sind Gastgeber für das tosende Fest der Nationalmannschaften. Die Fans reisen von überall an und können sich den Zustand unseres Kontinents live betrachten. Polen fürchtet sich aus banger Erfahrung vor Russland und wünscht sich die Ukraine näher am Westen als an Russland. Die Deutschen haben Mitleid mit Frau Timoschenko, die eine bessere Despotin war als der jetzige Präsident und außerdem einen dicken, blonden Zopf als Kranz um ihr Haupt trägt. Sogar wenn sie krank im Gefängnis liegt und leidet. Deshalb reden sie von Boykott. Die Polen finden das unangemessen, denn sie kennen ihre Nachbarn besser und wollen langfristiger auf die Ukraine wirken, damit sie Lust auf die Europäische Union hat und nicht zu einer Provinz Putins wird.

Derweil sammeln sich überall die Hooligans, die immer nah am Rassismus die Spiele aufmischen wollen. Doch für Rassismus werden die gar nicht gebraucht. Den praktizieren viele Fans auch so. In Deutschland vergeht kein Wochenende in der Fußballsaison ohne rechtsextreme Krawalle und rassistische Ausschreitungen. So schlimm, wie hier, ist es sonst nirgends in Westeuropa. In Polen und der Ukraine aber gibt es das auch. Rassismus und militante Gewalt durch nationalrevolutionäre Zellen und Gruppen – ähnlich wie hier die Freien Kräfte – beherrschen auch dort das Klima in ganzen Regionen. Jetzt erst zur Fußball EM wird sichtbar, wie groß die Internationale der gewalttätigen Nationalen ist und dass es hier mehr braucht als sich nur abzuschotten und die Probleme zu verleugnen, auf dass ein jedes Ländchen für sich selbst damit nie und nimmer fertig wird.

Der Populismus der Reichen und der militante Rechtsextremismus der Armen schließen einander nicht aus. Der Status spielt dabei keine Rolle, weder moralisch noch politisch! Ressentiments zu schüren und mit Gewalt auszutragen ist weder Makel noch Tugend einer bestimmten Schicht. In Europa, wie auch sonst überall, teilt sich die Gesellschaft in Vernunft und Unvernunft, in Anstand und Ausstand, in Menschen, die dem Sog des Rassismus widerstehen können und solchen, die sich hinein begeben. Das ist gefährlich, denn es bedroht unsere gemeinsame Zukunft.

Wollen wir hoffen, dass der Sommer und der Fußball, mit all seinen positiven Facetten am Ende trotzdem zur Völkerverständigung beiträgt!

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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