Ein Fitness-Influencer spricht auf YouTube davon, dass man durch Leanmaxxing seine Gesichtszüge „schärfen“ könne. Eine Beauty-Influencerin gibt auf TikTok Tipps für eine definiertere Jawline und schwört auf Mewing. Ein Reality-TV-Star, der inzwischen in Dubai lebt, redet in Podcasts über „Alpha-Males“. In den Kommentaren stehen Sätze wie: „Morning routine to ascend“, „Brutal“, oder „He mogged the whole room“. Für Außenstehende wirken diese Begriffe wie kryptischer Internet-Slang. Diejenigen, die sich in dieser Szene bewegen, und viele junge Menschen wissen, dass es hier um Attraktivität geht.
Was wie ein weiterer Trend der Selbstoptimierung klingt, hat seinen Ursprung jedoch in einer radikaleren Onlinekultur: der sogenannten Manosphere, einem Netzwerk aus Incel-Foren, Pick-Up-Communities und antifeministischen Blogs. Dort entstand eine eigene Sprache, die inzwischen weit über ihre ursprünglichen Räume hinausgewandert ist, auch dank frauenfeindlicher Influencer wie Eric Peters aka Clavicular und Andrew Tate.
In diesen Online-Milieus ist Sprache mehr als nur Slang. Sie funktioniert als ein Ordnungssystem, das Menschen hierarchisch sortiert. Begriffe wie Chad, Normie oder SMV beschreiben eine Welt, in der Attraktivität und vermeintlicher sozialer Wert messbar erscheinen.
Ein Chad steht für den genetisch privilegierten, hochattraktiven Mann. Ein Normie bezeichnet den durchschnittlichen Mann. SMV, also Sexual Market Value, beschreibt den angeblichen Marktwert einer Person auf dem Datingmarkt und die Chancen auf möglichst viele Sexualpartner*innen.
Beziehungen erscheinen in dieser Logik wie Markttransaktionen, bei denen Frauen als selektierende Konsumentinnen und Männer als konkurrierende Anbieter dargestellt werden. Wer diese Begriffe benutzt, übernimmt oft unbewusst Teile dieses Weltbilds. Sprache strukturiert Wahrnehmung und normalisiert Hierarchien. Und in diesem Fall transportiert es gleichzeitig noch ein misogynes Weltbild mit, in dem alles einer Verwertungslogik unterworfen ist.
„Looksmaxxing wird immer unter so einer misogynen Prämisse gemacht: Frauen stehen ja nur auf attraktive Männer, und deswegen muss ich Looksmaxxing machen, um von Frauen beachtet zu werden“, sagt die Autorin und Rechtsextremismusforscherin Veronika Kracher.
Dabei geht es häufig weniger um Frauen selbst als um Anerkennung unter Männern. Attraktivität, Sex und ein möglichst perfekter Körper werden zur Währung im Wettbewerb männlicher Hierarchien. Frauen erscheinen in dieser Logik vor allem als Trophäen, über die sich männlicher Status demonstrieren lässt.
Die traurige Welt der Incels
Die Incel-Community, aus der viele dieser Begriffe stammen, entstand in den frühen 2000er Jahren in Onlineforen, in denen sich Männer über Einsamkeit, Zurückweisung und Datingfrustration austauschten. Der Begriff „Incel“ steht für involuntary celibate, also „unfreiwillig enthaltsam“.
Die Incel-Bewegung gilt heute als eine der radikalsten Strömungen innerhalb der Manosphere, einer losen Verbindung misogyner und männerrechtlerischer Aktivisten im Internet. Zentral für die Szene ist die sogenannte Black-Pill-Ideologie, die sich bewusst von der ebenfalls in der Manosphere verbreiteten Red Pill abgrenzt. Beide Begriffe sind eine Anspielung auf eine berühmte Szene aus dem Science-Fiction-Film Matrix. In ihr entscheidet sich der Held Neo, die rote Pille zu schlucken, um die vermeintliche Wahrheit über die Welt zu erkennen. Menschen in sogenannten Red-Pill-Foren sehen sich selbst als solche „Realisten“, die die Wahrheit erkennen.
Die Anhänger der Black Pill vertreten die Überzeugung, dass ihr eigenes Schicksal bereits festgelegt sei. Frauen würden sich grundsätzlich nur für die attraktivsten Männer interessieren, während alle anderen Männer dauerhaft ausgeschlossen blieben. Wer nicht über die richtigen genetischen Voraussetzungen verfüge, habe demnach kaum eine Chance auf Beziehungen oder sexuelle Erfahrungen. In dieser Logik wird Attraktivität zu einer biologischen Vorbestimmung, die über Erfolg, Beziehungen und letztlich über das gesamte Leben entscheidet.
Männer in dieser selbstverstärkenden Blase hängen häufig einer nihilistischen Ideologie an. Sie sehen ihre angeblich aufgezwungene Enthaltsamkeit als unveränderbares Schicksal. Die Wut über die eigene Hilflosigkeit im Kontakt mit Frauen richtet sich schließlich gegen Frauen insgesamt und gegen eine Gesellschaft, die angeblich diese vermeintliche Dominanz von Frauen ermögliche.
In Foren wie 4chan oder später spezialisierten Plattformen entwickelten sich auf dieser Grundlage zunehmend radikale Weltbilder, in denen Frauen für das eigene Unglück verantwortlich gemacht wurden und Attraktivität als biologisches Schicksal galt. In extremen Fällen fantasieren Nutzer dort sogar darüber, Frauen zu versklaven oder zu vergewaltigen. Elliot Rodger wird hier als Held gefeiert. Der Incel tötete aus misogynen Gründen 2014 sechs Menschen in den USA.
Die Optimierung des Körpers als Ausweg aus dem unfreiwilligen Zölibat
Innerhalb dieser Ideologie ist ein Ausweg aus dieser deterministischen Sichtweise, das sogenannte Looksmaxxing. Eine Bewegung, die auch außerhalb der Incel-Bubble ziemlich erfolgreich ist.
Gemeint ist mit Looksmaxxing die systematische Maximierung des eigenen Aussehens, um attraktiver und damit angeblich erfolgreicher im sozialen und romantischen Wettbewerb zu werden. In entsprechenden Communities wird Attraktivität auf Skalen bewertet, und bekommt so einen pseudowissenschaftlichen Anstrich. Die sogenannte PSL-Skala, also Physical Sexual Marketplace Level, teilt Menschen in Rangordnungen ein, die von Subhuman über Normie bis hin zu Chad reichen. Attraktivität wird damit zu einem Ranking, als ließe sich menschliche Werte wie ein Börsenkurse bestimmen. „Looksmaxxing wird als eine Art Heilsversprechen verkauft“, sagt Veronika Kracher. „Die Botschaft lautet: Wenn ich nur einen kantigen Kiefer habe, dann reden Frauen mit mir, dann bekomme ich Sex und dann wird mein Leben gut.“

Selbstoptimierung bis zur Selbstverletzung
In den entsprechenden Communities wird dabei zwischen verschiedenen Formen der Selbstoptimierung unterschieden. „Softmaxxing“ bezeichnet vergleichsweise harmlose Maßnahmen wie Fitness, Hautpflege, Ernährung oder bestimmte Styling-Techniken. „Hardmaxxing“ dagegen umfasst deutlich radikalere Eingriffe, etwa Steroide, Wachstumshormone, Kieferoperationen oder kosmetische Chirurgie. In extremen Fällen experimentieren Nutzer sogar mit riskanten Praktiken wie „Bonesmashing“, bei dem versucht wird, durch wiederholte Hammer- oder Faust-Schlägen auf die Gesichtsknochen deren Struktur zu verändern.

„Wenn man sich diese Inhalte anschaut, sieht man teilweise sehr junge Menschen, eigentlich noch Kinder, die sich solchen Praktiken unterziehen“, sagt Kracher. „Das ist letztlich eine Normalisierung von Selbstverletzung bei minderjährigen Jungen.“ Kracher erinnert diese Bewegung an Pro-Ana-Communities, in denen Essstörungen unter größtenteils Frauen glorifiziert und gefährliche Schlankheitsideale verbreitet werden.

Diese Incel-Begriffe entstanden ursprünglich in Onlineforen wie 4chan, incels.me oder looksmaxxing.org. Dort entwickelten sich eigene Sprachcodes, mit denen sich Mitglieder gegenseitig einordneten und ihre Welt erklärten. In den vergangenen Jahren hat sich diese Sprache jedoch aus den Nischen herausgelöst.
Incel-Sprache gelangt in den Mainstream
Ein entscheidender Moment für die Verbreitung der Szene kam 2023, so beschreibt es der Substack-Essay “The Mainstream Rise of Looksmaxxing”. Damals begann ein TikTok-Creator, Inhalte aus Looksmaxxing-Foren auf der Plattform zu posten. Damit gelangten erstmals der interne Szene-Sprech dieser Communities in ein deutlich größeres und jüngeres Publikum. Kurz darauf verbreiteten sich auch extremere Praktiken des sogenannten Hardmaxxing rasant auf TikTok. In den Kommentarspalten fungierten ehemalige Forenmitglieder häufig als eine Art Gatekeeper, die neue Nutzer in die Ideologie einführten und die Regeln der Szene erklärten.
Jedoch begrüßen nicht alle in der ursprünglichen Incel-Szene diese Entwicklung. „In der Incel-Community ist Looksmaxxing durchaus umstritten“, beobachtet Veronika Kracher. Ein Teil glaubt, dass man durch Selbstoptimierung seine Chancen verbessern kann. Andere vertreten die radikalere Black-Pill-Position und halten das für vollkommen aussichtslos. In dieser Logik entscheidet allein die genetische Ausstattung über Erfolg oder Misserfolg.
Wer einmal als „unattraktiv“ gilt, könne daran auch mit Fitness, Operationen oder anderen Maßnahmen nichts ändern. Ihre vermeintlich schlechten Gene, würden auch durch Looksmaxxing nicht aufgewertet und sollen auch nicht weitergegeben werden. „Für diese radikaleren Incels ist Looksmaxxing nur eine Illusion“, sagt Kracher. „Sie glauben, dass ein als hässlich wahrgenommener Mann immer ein Incel bleiben wird, egal, wie sehr er versucht, sein Aussehen zu verändern.“
Mit der Veröffentlichung solcher Inhalte auf TikTok verließ die Szene jedoch schließlich endgültig ihre Nischenräume. Begriffe wie moggen, looksmaxxing oder hunter eyes tauchen seither immer häufiger auf TikTok, YouTube oder Instagram auf, sind oft Teil von Jugendsprache.

Viraler Trend Mewing?
Mewing wurde zum Trend, besonders auf TikTik. Dabei versuchen junge Menschen durch eine bestimmte Zungen- und Kieferanspannung eine definierte Jawline anzutrainieren. Viele Videos sind mit dem Song „Icewhore“ von Lumi Athena unterlegt, der in diesem Zusammenhang ab 2023 auf TikTok viral ging . In vielen Videos taucht eine ähnliche Geste auf: Zuerst wird der Finger vor die Lippen gelegt – ein „Shh“. Danach zeigen die Creator*innen auf ihre Jawline. Die Botschaft dahinter: Die eigene Kieferlinie spricht für sich, Worte braucht es nicht. Online wird die Geste oft auch mit Emojis dargestellt, dem für das „Shh“ und dem, der auf seinen Kiefer zeigt.


Auf den Plattformen erscheinen die Begriffe häufig entpolitisiert und werden als ästhetischer Trend, Meme oder Fitness-Ratschlag präsentiert und richten sich meist, aber nicht ausschließlich, an Männer. Der Algorithmus sozialer Plattformen verstärkt diese Entwicklung, weil Inhalte mit starken Bildern, einfachen Botschaften und emotionalen Reaktionen besonders gut funktionieren. „Vor fünf Jahren fand das noch in kleinen, nischigen Looksmaxxing-Foren statt“, sagt Kracher. „Heute erreicht ein Influencer wie etwa Clavicula Hunderttausende Menschen.“
Veronika Kracher sieht einen wichtigen Beschleuniger in der Corona-Zeit. Während der Pandemie, so ihre Einschätzung, hätten sich junge Männer noch stärker in digitale Räume zurückgezogen, in denen Incel-Ideologie, Red-Pill- und Black-Pill-Rhetorik durch Influencer zunehmend normalisiert worden seien.
Memes, ironische Kommentare und kurze Videoedits spielen bei der Verbreitung eine zentrale Rolle. Häufig werden Bilder extrem attraktiver Männer mit melancholischer Musik kombiniert. Emotional aufgeladene vorher-nachher-Bilder versprechen eine optische Verwandlung in kurzer Zeit, vom pickligen Teen zum hotten Calvin Klein Model in nur wenigen Monaten durch ein paar Hammerschläge ins Gesicht und ein paar Spritzen in den Körper. Du musst nur durchziehen, so das versprechen. Emotionale und ironische Ästhetik entpolitisiert die ursprüngliche Ideologie im Netz und macht sie anschlussfähig für ein breiteres Publikum.

Ironie spielt dabei eine entscheidende Rolle. Viele Nutzerinnen und Nutzer nutzen Begriffe wie moggen oder Chad heute scherzhaft oder ästhetisch, ohne den ideologischen Hintergrund zu kennen. Mogging bezeichnete ursprünglich den Moment, in dem ein Mann einen anderen allein durch sein Aussehen sozial überstrahlt. In sozialen Medien wird der Begriff inzwischen auch ironisch verwendet, etwa wenn jemand auf einem Foto besonders gut aussieht. Gerade diese ironische Verwendung macht die Begriffe anschlussfähig. Was einst Teil einer misogynen Subkultur war, wirkt plötzlich wie gewöhnlicher Internet-Slang. Der ideologische Ursprung verschwindet, während die Kategorien bestehen bleiben.

Auffällig ist, wie stark diese Sprache von ökonomischen Metaphern geprägt ist. Beziehungen werden als Markt beschrieben, Attraktivität als Kapital und Dating als Wettbewerb. Der Begriff Sexual Market Value überträgt eine neoliberale Marktlogik auf zwischenmenschliche Beziehungen. Menschen werden bewertet, verglichen und in Rankings eingeordnet. Erfolg erscheint als Ergebnis von Wettbewerb, bei dem diejenigen gewinnen, die über die besten genetischen Voraussetzungen verfügen. „Das ist auch Ausdruck eines komplett aus dem Ruder gelaufenen Neoliberalismus, in dem wirklich alles selbstoptimiert werden muss und man mit nichts zufrieden sein kann“, sagt Kracher.
Verbesserung des sozialen Kapitals
Für viele junge Männer ist diese Logik auch eine Antwort auf ein Gefühl von Kontrollverlust. „Beziehungen zu anderen Menschen sind kompliziert, Flirting ist kompliziert, das Geschlechterverhältnis ist richtig kompliziert“, sagt Kracher. „Solche Ideologien versprechen ihren Anhängern: Du musst dich mit diesen Komplikationen gar nicht beschäftigen.“
Soziale Isolation, unsichere Zukunftsperspektiven und politische Ohnmacht erzeugen den Eindruck, wenig Einfluss auf das eigene Leben zu haben. Der eigene Körper erscheint dann als letzte Variable, die sich noch kontrollieren lässt. Looksmaxxing verspricht, durch Disziplin, Training oder kosmetische Eingriffe den eigenen Platz im sozialen Ranking verbessern zu können.
Gleichzeitig fungieren diese Communities auch als soziale Räume. Foren, Kommentarspalten und Discord-Server bieten vielen jungen Männern ein Gefühl von Zugehörigkeit und gegenseitiger Bestätigung. Die gemeinsame Sprache, von „Chad“ bis „moggen“, wird dabei zu einem Code, über den sich Mitglieder erkennen und ihre Erfahrungen deuten.
Die Ausbreitung dieser Begriffe zeigt, wie schnell radikale Online-Sprachen in den kulturellen Mainstream wandern können. Wenn Wörter aus extremen Subkulturen alltäglich werden, verlieren die dahinterstehenden Ideologien ihren Randgruppencharakter. Begriffe funktionieren dann wie Codes, über die sich Menschen erkennen können, während Außenstehende sie nur als harmlosen Internet-Slang wahrnehmen. Auf diese Weise wird aus einer Nischenideologie Schritt für Schritt ein popkultureller Trend.

So begann der langsame und dann immer schnellere Aufstieg von Looksmaxxing in den Mainstream. Dabei spielte auch die politische Anschlussfähigkeit der Szene eine Rolle. Teile der Community überschneiden sich mit rechtsextremen Milieus sowie mit eugenischen und rassistischen Vorstellungen.
Rechtsextreme Anschlussfähigkeit
Im Dezember 2025 erklärte der zwanzigjährige Clavicular in einem Interview, er würde den Demokraten Gavin Newsom dem US-Vizepräsidenten JD Vance vorziehen, nicht wegen politischer Positionen, sondern wegen äußerer Merkmale. Vance bezeichnete er als „subhuman“, als „Untermenschen“, während er Newsom als „Chad“ einordnete. Politik wird hier vollständig in eine ästhetische Rangordnung übersetzt.
Der rechtsextreme Influencer Nick Fuentes erklärte kürzlich in einem Livestream, 2026 sei das Jahr des „Locking in“ und des „Ascendings“. Fuentes ist eine zentrale Figur der Alt-Right in den USA und richtet sich mit seinen Botschaften gezielt an ein junges, männliches Onlinepublikum. Niemand solle es wagen, nicht zu mewen, sagte er in dem Video. „Lean ist das Gesetz.“ Jetzt sei die Zeit, das eigene Aussehen, den eigenen Reichtum und die eigene Macht zu maximieren.

Solche Aussagen zeigen, wie stark rechtsextreme Ideologie von Incel- und Looksmaxxing-Narrativen profitieren kann. Ziel vieler rechter Bewegungen ist ein klassisches Geschlechterbild und ein idealisierter Mann, der sich durch Stärke, Disziplin und soldatische Tugenden auszeichnet.

Diese Vorstellungen passen in vielen Punkten zur Ideologie der Manosphere. Misogyne Influencer wie Andrew Tate oder Nick Fuentes haben maßgeblich dazu beigetragen, Red-Pill- und Incel-Rhetorik zu normalisieren. Die Sprache des Looksmaxxing wird hier offen mit politischer Ideologie verbunden. Was in Onlineforen als ästhetische Selbstoptimierung begann, wird so Teil einer breiteren rechten Mobilisierungskultur, in der Körper, Status und Macht miteinander verschmelzen.


