Es ist früher Morgen im Hamburger Bahnhofsviertel. Die Kamera läuft. Zwischen Schlafsäcken, leeren Bechern und Menschen unter Drogeneinfluss richtet der Reise-Influencer Kurt Caz aus Südafrika sein Objektiv auf Gesichter, Körper, Elend. Er kommentiert spöttisch, ordnet zu, grenzt ab.
„Zombie-Apokalypse“, sagt er. „Illegale Migranten.“ Deutschland, erklärt er seinem Millionenpublikum, sei außer Kontrolle geraten. Was wie ein Reisevideo beginnt, ist längst eine politische Erzählung und das Viertel nur Kulisse für eine rassistische Ideologie.
Travel-Vlogs zeigen eindrucksvolle Bildwelten und spannende Grenzerfahrungen. Ihre stetig wachsende Beliebtheit begründet sich jedoch in erster Linie auf den Anschein von persönlicher Unmittelbarkeit und Glaubwürdigkeit. Risiken und die Reise selbst dienen als vermeintliche Beweise für Authentizität.
Doch zeigen Influencer*innen Orte nicht neutral. Sie wählen Perspektiven und Themen, um bewusste Bilder zu erzeugen, die auch politisch sein können. Reise-Content bedient nicht nur Fernweh, sondern vermittelt Gesellschaftsbilder, kann ausgrenzen und Bedrohungen konstruieren. Wie das geschieht, zeigen die Videos des Reise-Influencers Kurt Caz.
Kurt Caz – Es war einmal ein Abenteuerreisender
Kurt Caz beschreibt sich als „weltenbummelnden Vlogger aus Südafrika“, der „seine spannenden Abenteuer rund um den Globus [teilt] und […] damit andere Reisende [inspiriert].“ Mit seinen Vlogs und Videos möchte er „die Reiselust in den Menschen entfachen“ und „andere dazu inspirieren, ihre eigenen Abenteuer zu erleben und die Welt zu entdecken“.
Caz kam 1998 in Südafrika als Sohn einer südafrikanischen Mutter und eines deutschen Vaters auf die Welt und lebte zeitweise in Deutschland, eine biografische Einordnung, die er in seinen Videos nutzt, um eine Nähe zu europäischen politischen Diskursen zu suggerieren. Die Kurzbeschreibung seines YouTube-Kanals, der vier Millionen Follower*innen verzeichnet, bricht mit der harmlosen Selbstdarstellung auf seiner Website und deutet die Unberechenbarkeit seiner Inhalte an. Dort beschreibt er sich als „südafrikanischen Buschmann, der einfach das tut, was seine DNA ihm vorgibt.“
Populär wurde Caz zunächst insbesondere durch Videos über seine Reisen nach Südamerika, die jeweils bis zu 18 Millionen Klicks erhielten. Sie folgen einer klassischen Clickbait-Logik und tragen Titel wie „Venezolanisches Mädchen nimmt mich mit in ihr Viertel“ oder „Im gefährlichsten Viertel der Dominikanischen Republik“.
Caz besucht in diesen Videos als berüchtigt und gefährlich geltende Stadtbezirke – oft in Begleitung junger, leicht bekleideter Influencer*innen, die prominent auf den Video-Thumbnails erscheinen. Sie bilden den erotischen, unterwürfigen Kontrast zu seinem Selbstimage als männlicher, furchtloser Abenteurer.
Inszenierte Männlichkeit und Gefahren
Caz’ Videos sprechen vor allem ein junges, männliches Publikum an. Sein maverick-artiges Selbstbewusstsein, seine körperliche Präsenz und die Selbstbehauptung in „gefährlichen“ Umgebungen sowie die Verheißung von Kontrolle über Chaos bedienen klassische Männlichkeitsnarrative. Caz’ visuelle Sprache knüpft an Ästhetiken aus männlich geprägten Online-Subkulturen an, etwa aus Fitness- oder Survival-Communities, in denen Risikobereitschaft, Dominanz und Selbstoptimierung zur Schau gestellt werden.
Caz nutzt vertraute Geschlechterbilder und kulturelle Zuschreibungen, um Reichweite zu erzielen. Aus der Perspektive eines westlich-männlichen Reisenden inszeniert er das Fremde als exotisch und zugleich bedrohlich. Seine Videos bewegen sich zwischen Dark Tourism und Slum Tourism: (soziales) Elend und Gefahr werden zur Kulisse und daraus Kapital geschlagen. Inhalte dieser Art stammen überwiegend aus den Covid-Jahren zwischen 2020 und 2022, die den Beginn seines internationalen Aufstiegs markieren.
Gleichwohl findet sich unter seinen meistgeklickten Reiseberichten ein vergleichsweise aktuelles Video aus dem August 2025, das in kurzer Zeit über sieben Millionen Aufrufe erzielte. Es repräsentiert den inhaltlichen Wendepunkt seines Kanals:
Das Video trägt den Titel „Inside Germany’s Zombieland“. Caz führt durch das Frankfurter Bahnhofsviertel. Dabei filmt und kommentiert Caz offen und provokativ den Drogenkonsum, die Armut und das Elend auf den Straßen. Auf den ersten Blick scheint das Video seinem üblichen Dark-Tourism-Erfolgsformat zu entsprechen.
Begleitet wird Caz von „Fred – The Bodyguard“, einem britischen Mixed-Martial-Arts-Enthusiasten, der in seinen Online-Auftritten wiederholt Bezüge zu rechten und rechtsextremen Akteuren und Narrativen erkennen lässt.
Vom Abenteuerreisenden zum rechtsextremen Akteur
Schon die ersten Eindrücke vom Bahnhofsviertel genügen beiden, rechtsextremen Sprachmustern freien Lauf zu lassen. So stellt Fred einen pauschalen Vergleich mit seinem Heimatland an: „Es ist wie in Oldham oder Rochdale. Du findest niemanden mehr, der so aussieht wie du, so spricht wie du und die gleichen Ansichten hat wie du.“
Die Aussage bedient nativistische und ethnopluralistische Deutungsmuster, denen zufolge Gesellschaften kulturell homogen sein sollten. Migration erscheint in dieser Logik nicht als Normalität, sondern als Störung des ethnischen „Volkskörpers“.
Sichtbare Migration erzeugt Ekel
Fred ergänzt ironisch: „Aber man bekommt dort richtig gute Currys und richtig gute Kebabs.“ Caz reagiert: „Jetzt, wo wir die Rezepte haben, können sie doch wieder zurückgehen, oder?“ Migration wird hier nicht nur auf konsumierbare Vielfalt reduziert, sondern die Forderung nach Remigration anschließend als Witz codiert.
Als Caz später teure Autos filmt, die durch das Bahnhofsviertel fahren, schürt er Sozialneid: „Wie können sich diese Junkies diese Karossen leisten?“
Mit dieser Einteilung in „Wir“ und „Sie“ blendet Caz bewusst strukturelle Ursachen sozialer Ungleichheit zugunsten individueller Schuldzuweisungen aus. Er stigmatisiert Arme und Migrant*innen und erzeugt das Gefühl sozialer Ungerechtigkeit, bei dem „die Falschen“ auf unlautere Weise auf Kosten der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft profitieren. Auf die plausiblere Erklärung, dass diese Autos aus dem nahegelegenen Bankenviertel stammen könnten, kommt Caz nicht.
Enthemmte Sprache
Effekthaschend dokumentiert Caz das Leid der Drogenabhängigen und Obdachlosen, um Klicks zu generieren. Proteste der Gefilmten und selbst Bitten der Polizei, dies zu unterlassen, schlägt Caz mit dem Verweis auf sein Recht, auf öffentlichen Straßen filmen zu dürfen, aus.
Insbesondere ein Vorfall wird als Höhepunkt dramatisiert: Ein obdachloser Mensch wirft eine Glasflasche nach Caz und seinem Begleiter. Ein einprägsamer Vorfall, der Caz’ vermeintlich furchtlose Mission, „die ungeschönte, harte Realität“ zu zeigen, scheinbar rechtfertigt und seine entmenschlichende, spöttische Bildsprache in den Hintergrund treten lässt.
Rassistische Dogwhistle
So etwa, wenn er das Frankfurter Bahnhofsviertel als „Zombielandia“ bezeichnet. Oder wenn Caz nach einem kurzen Gespräch mit einer Schwarzen Person in die Kamera fragt:
„Engineer or doctor?“ Diese ironische Frage dient als Dogwhistle: Sie unterläuft das Fachkräfte-Narrativ, indem sie die Qualifikation von Migrant*innen pauschal anzweifelt und abwertende Stereotype reproduziert.
Am Ende des Videos lässt Caz sein Publikum mit einer Suggestivfrage und einer Replik auf Deutschlands Migrationspolitik zurück:
„Was haltet ihr von dem neuen Deutschland und den neuen Deutschen – offenen Drogenmärkten, einer Polizei, die YouTuber kontrolliert? Es ist eine absolute Schande, eine Farce.“
Aus selektiven Momentaufnahmen im Bahnhofsviertel schließt Caz damit auf landesweite Missstände und delegitimiert Migration mittels populistischer Krisen- und Notstandsrhetorik.
Reaktionen und Resonanz
Caz bündelt in seinem Frankfurt-Video nahezu unverhohlen Ethnopluralismus und Nativismus zu einem ideologischen Gesamtframe, demzufolge sich das „neue“, multikulturelle Deutschland im moralischen und kulturellen Verfall befinde. Dabei bedient er sich Affekten aus Ekel und Scham, gepaart mit Voyeurismus und Ironie, typische Elemente digital-rechtsextremer Kommunikationsästhetik.
Dass Caz’ Kommunikationsstrategien auf fruchtbaren Boden fallen, zeigt sich nicht nur an den Aufrufzahlen, sondern vor allem an den Videokommentaren, manche mit mehr als 24.000 Likes.
Einer der meistgelikten Kommentare lautet: „Als Deutscher bin ich von der aktuellen Situation zutiefst beschämt und deprimiert. Aber es ist wichtig, die Menschen für die Realität zu sensibilisieren – danke, Kurt!“
Dieser Kommentar verdeutlicht die von Caz’ Rhetorik affektive Bindung zwischen ihm und seinem Publikum. Der Nutzer stilisiert und legitimiert Caz’ suggestive Eindrücke als moralische Wahrheit. Die Emotionalisierung wird zur Grundlage der Zustimmung.
Auch das von Caz kommunizierte nativistische Verlustnarrativ findet in den Kommentaren Widerhall: „Ich komme aus Frankfurt, und es ist verrückt, was aus unserer Stadt geworden ist. Als Deutscher fühle ich mich wie ein Fremder im eigenen Land.“
Das lokale Beispiel eines Frankfurter Stadtteils wird hier als Evidenz für einen vermeintlich nationalen Verfall akzeptiert. Diese Skalierung dehnt sich in den Kommentaren sogar auf die europäische Ebene aus, was darauf hinweist, dass Caz längst Europa als Bühne seiner Erzählung entdeckt hat: „And it’s not just Germany… it’s all over Europe.“
Streifenlauf in Rom
Wie Caz seine aggressive Rhetorik zuspitzt und aus impliziten Ressentiments offene Feindbilder formt, zeigt sich auch in seinem Video „Catching Pickpockets in Rome“.
In diesem Video führt Caz sein Publikum durch die „Unterwelt“ Roms, auf der wortwörtlichen Jagd nach Taschendieben. Wie so oft enthält das Video mehr, als der Titel verspricht: Caz stellt nicht nur vermeintliche Diebe bloß, indem er sie etwa ungeniert in U-Bahn-Schächten filmt. Er konfrontiert und provoziert auch Obdachlose, um Gegenwehr und auf ihre Kosten spektakuläre Aufnahmen zu erzeugen.
Im Gegensatz zum Video aus dem Bahnhofsviertel operiert Caz hier weniger mit ironischen Andeutungen, sondern mit enthemmter, entmenschlichender Rhetorik. Auch in diesem Video begleitet Caz mit Simone Carabella wieder einen Weggefährten aus der Survival- und Fitnessszene mit rechtsextrem-verschwörungsideologischem Weltbild.
Offene Feindbildrhetorik
Ein Beispiel für diese Enthemmung liefert eine Szene, in der Caz einen schwarzen obdachlosen Mann grundlos unlauterer Umtriebe verdächtigt, ihn konfrontiert und vor laufender Kamera belästigt. In dem von Caz provozierten verbalen Schlagabtausch, der beinahe zu einer körperlichen Auseinandersetzung führt, schleudert er der Person sein rassistisches, sozialdarwinistisches Gedankengut entgegen:
„Meine Geschichte ist besser als deine … deine Geschichte ist nutzlos … du wirst nur durch das Gesetz geschützt.“ Der Schwarze obdachlose Mann sei der wahre Rassist, der „uns“ hasse.
An dieser Stelle eskalieren Nativismus und Ethnopluralismus zu offenem kulturellem Rassismus. Caz nutzt seine Provokation und die Gegenwehr des Konfrontierten, um den Rassismusbegriff umzukehren: „Wir sind nicht die Rassisten – sie sind es in Wahrheit.“
Damit nährt Caz den Mythos einer marginalisierten Mehrheitsgesellschaft, die sich gegen Migrant*innen zur Wehr setzen müsse. Diese Opfererzählung radikalisiert er, als er in einer Markthalle erklärt: „I don’t see a single Italian here, guys. I’m more Italian than any of these people.“
Dass Caz diese Umkehrung des Rassismusbegriffs anhand seiner eigenen rassistischen Anfeindungen selbst ad absurdum führt, ist kaum spontaner Wut geschuldet, sondern Ausdruck einer bewussten Enthemmung – inszeniert für ein Publikum, das längst an diese Logik gewöhnt ist.
Gewaltfantasien und Feindbilder
Eine anschließende Szene zeigt Caz’ zunehmend radikalisierte Rhetorik und offene, entmenschlichende Gewaltfantasien:
„Mann, ich will sie einfach schlagen, ich will sie schlagen, aber das geht nicht. Denn wenn du sie mit der Hand anfasst, könntest du AIDS oder so einen Scheiß bekommen. Also ist das Beste, was du tun kannst, sie zu treten.“
Von codierten oder camouflierten Aussagen keine Spur mehr: Caz wagt den Schritt ins offen rassistische Register.
Neben dieser expliziten Abwertung tritt Caz aktivistisch auf, indem er politische Feindbilder identifiziert. So beschuldigt er Mitarbeiter der Sala Operativa Sociale – eines städtischen Sozialnotdienstes für Menschen in prekären Lebenslagen – pauschal, für eine angebliche Migrationskrise verantwortlich zu sein:
„Ihr seid linke Sozialisten, ihr zerstört euer eigenes Land … Wegen dieser linken Organisationen haben wir diese Probleme … die diese Leute hereingelassen haben.“ Damit verknüpft Caz sozialen Aktivismus mit politischem Verrat – eine klassische Feindbildprojektion der extremen Rechten.
Diese Anti-Haltung setzt er während seiner Europa-Reisen fort, indem er sich mit offen rechtstextremen Politiker*innen zeigt. In Frankfurt posierte er mit der hessischen AfD-Landtagsabgeordneten Anna Nguyen. Auf seiner Tour durch „Europe’s Worst City“, Brüssel, begleitete ihn Dries van Langehove – ein belgischer Rechtsextremist und Gründer der identitären Jugendbewegung Schild & Vrienden, der wegen Aufstachelung zu Diskriminierung, Hass und Gewalt verurteilt wurde.
Internationale Subszene rechter Reise-Influencer*innen
Caz ist kein Einzelfall. Die politische Anschlussfähigkeit des Reisevloggens zeigt sich in einer Subszene scheinbar harmloser „Extreme Travel“-YouTuber. Akteure wie Bald and Bankrupt („Anders als reichere westliche Länder verfügt […] [die Mongolei] über eine homogene Bevölkerung, die stolz darauf ist, eine ‚reine‘ mongolische Abstammung zu haben.“), Lord Miles oder Peter Santanello nutzen ihre Reisen durch arme oder autoritär regierte Länder als Projektionsflächen recht(sextrem)er, reaktionärer Weltbilder – häufig verbunden mit einer impliziten Apologetik autoritärer Ordnungen.
Während diese internationale Reise-Influencer*innen-Subszene vor allem männerdominierte Abenteuer- und Krisennarrative bedient, fehlt im deutschsprachigen Raum bislang ein vergleichbares rechtsextremes Influencer*innen-Format. Eher dominieren Lifestyle-Formate, Heimatästhetik und kulturpolitische Debatten um Identität, Geschlecht und Werte. Diesen Themen widmet sich auch die junge Berliner Influencerin Michelle Gollan, besser bekannt unter ihrem Social-Media-Tag eingollan.
Eingollan – Selfies statt Slums
Im Gegensatz zu Caz tritt Gollan bereits seit 2021/2022 mit offen rechtsextremen Positionen auf. Schon zuvor war sie in neurechten Netzwerken aktiv und zeigte sich offen im AfD-Umfeld sowie in Kreisen der Identitären Bewegung.
Caz und Gollan teilen gewisse strategische Gemeinsamkeiten, indem ihr rechtsextremer Content nicht auf Anhieb erkennbar und auch politisch unbedarfte Nutzer*innen anspricht. Doch im Gegensatz zu Caz voyeuristisch-aggressiven, männlich aufgeladenen Krisenbildern verfolgt Gollan eine ästhetisch-ironische, lifestylekompatiblere Kommunikationsform.
Ihr Markenzeichen sind Straßeninterviews, in denen sie Befragte mit kontroversen, suggestiven identitäts- oder migrationspolitischen Fragen gezielt in Verlegenheit bringt. Die Reaktionen und Antworten der Interviewten filmt Gollan, reagiert mit spöttischen Kommentaren und Gesichtsausdrücken.
Ihr Instagram-Kanal, dem fast 200.000 Follower*innen folgen, erscheint auf den ersten Blick wie eine sanfte Mischung aus Selfies und Modefotos, das Bild eines „Mädchens von nebenan“, mit dem sich viele Zuschauer*innen identifizieren können.
Sonnige Stimmungsmache im Urlaub
Zwar ist Reise-Content nicht ihr Hauptfokus, doch versteht Gollan es, die Ästhetik des Reisevloggens zu adaptieren.
Ein Beispiel dafür ist Gollans sommerlicher Balkan-Roadtrip im Sommer 2025. In einer Instagram-Story posiert sie vor einem BMW 3er-Cabriolet. Über ihr wehen drei kroatische Nationalflaggen. Am unteren Bildrand steht in kleiner, dezenter Schrift: „In Deutschland unmöglich.“
Damit suggeriert sie: Während in Kroatien stolz zur Schau gestellter Patriotismus als völlig normal gilt, werde dieser in Deutschland unterdrückt. Ihre Bilder dienen also nicht primär der Reisedokumentation, sondern der Affektsteuerung durch Symbolik. Sonne, Natur, Nationalflaggen – so unbeschwert könnte das Leben sein.
Im Gegenzug konstruiert Gollan bildlich und mit minimalistischem Sprachgebrauch die Vorstellung, freie Meinungsäußerung sei in Deutschland belastet oder gar unterdrückt. So weckt sie eine nostalgische, anti-emanzipatorische Sehnsucht nach einem „Deutschland, aber normal“ – einem zentralen Slogan der AfD und Motiv des rechtsextremen Kulturkampfs.
Ironie als Ideologie
Wie kompliziert das Leben doch geworden sei, aber nicht sein müsse. Diese Botschaft vermittelt Gollan in einer weiteren Balkan-Story, in der sie mit ihrem Cabrio auf eine Autofähre auffährt. Mit einem lachenden Emoji kommentiert sie dieses Bild ironisch: „Umweltfreundliches Reisen ist mir wichtig.“ Damit verspottet sie ökologische Sensibilität und spielt auf angeblich gängelnde Klimaauflagen in Deutschland an.
Dass in Deutschland keine „Normalität“ herrsche, die in Europa doch zum Greifen nah sei, unterstreicht Gollan in einer dritten Instagram-Story, die sie an einer Tankstelle in Kroatien zeigt: „Benzin 1,42 € – hier ist die Welt noch in Ordnung.“ Mit dieser simplen Gleichung rührt sie an reale Sorgen der deutschen Bevölkerung angesichts gestiegener Energie- und Lebenshaltungskosten. Gollan entwirft eine Erzählung, wonach das Leben anderswo besser und leichter ist. Patriotismus, Freiheit, günstiger Sprit, all das erscheint als Gegenentwurf zum „grünen Zeitgeist“ und zur angeblichen deutschen Selbstverleugnung.
Das in Kroatien niedrigere Lohnniveau und schwächere soziale Sicherheitsnetz passen nicht in Gollans suggestive Argumentationsmuster. Komplexe Realitäten würden nur stören, wo sonnige Unbeschwertheit als Kulisse dient. Also rekurriert sie bewusst auf einfache, dichotome Symbolbilder: billiger Sprit = Freiheit, Nationalflaggen = gesunde Identität. Es ist Instagram-Content zum Aufatmen und Aufwiegeln – ein Spagat, den Gollan mit kalkulierter Leichtigkeit beherrscht.
Reise-Content ernst nehmen
Gollan und Caz ähneln sich in der Reduktion komplexer Realitäten auf eingängige Krisenerzählungen: Beide nutzen Authentizitätsversprechen, affektive Ansprache und Reiseerfahrung als Beweise, um ihre Weltdeutungen zu verbreiten. Sie erzeugen Stimmungen und nehmen Einfluss auf politische Diskurse, die weit über YouTube und Instagram hinausgehen.
Die dem Reiseformat zugrundeliegenden Kommunikationsstile des emotionalen Storytellings und der visuellen „Evidenz“ erreichen viele unpolitische Nutzer*innen, normalisieren rechtsextreme Ideologie und unterminieren demokratische Diskurse – gerade weil sich Reise-Content als unpolitisch, erfahrungsbasiert und authentisch ausgibt.
Auch aufgrund dieser Wirkungsmacht muss Reise-Content als politisches Format redaktionell, pädagogisch und regulatorisch ernst genommen werden.
Journalist*innen müssen diese Inszenierungslogiken thematisieren und offenlegen. Einordnende Artikel zu rechtsextremen Influencer*innen mit hoher Reichweite, wie Caz, sind Mangelware. Online-Plattformen sollten zur Pflicht gezogen werden, Algorithmen zu regulieren, die affektive Grenzerfahrungen belohnen und menschenfeindliche Sprache in Kauf nehmen. Caz’ offen rassistische Videos sind nach wie vor ohne Altersbeschränkung frei zugänglich. Zuletzt muss auch die Medienbildung diesen Formaten mehr Aufmerksamkeit schenken. Faktenchecks genügen nicht. Ohne Einordnung bleiben Reise-Influencer*innen wirksame Akteure bei der schleichenden Normalisierung rechtsextremer Weltbilder.


