Universitäten sollen ein sicherer Raum für offene Diskussionen und freie Meinungsbildung sein. Nach dem 7. Oktober 2023 sind sie das für Jüdinnen*Juden aber kaum noch. Stattdessen wird der Campus zu einem Ort der Angst und der Unsicherheit. Diese Atmosphäre wird durch antisemitische Vorfälle hergestellt, die mal antizionistisch, mal ganz offen judenfeindlich sind. Sogar auf Toiletten herrscht purer Hass auf Israel und Jüdinnen*Juden. Schmierereien wie „Jede Spülung 1 toter Jude“ an der Technischen Universität Dresden oder „Kill all Juice!“ (ein antisemitisches Codewort für „Juden“, da es phonetisch genauso wie das englische Wort für „Saft“ klingt) und „I <3 Hamas“, wie sie auf der Männertoilette an der Universität zu Köln dokumentiert wurden, nehmen Jüdinnen*Juden das letzte Gefühl von Sicherheit.
Autoritäre Moral: Wer nicht gegen Israel ist, ist der Feind
Hassparolen wie diese widersprechen der sich selbst teils als progressiv verstehenden Studierendenschaft. Der Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober führte zu ungezügeltem Antisemitismus an Hochschulen und beweist dadurch vielmehr das Gegenteil. Die komplexe Historie des Nahostkonflikts wird auf die rein moralische Ebene reduziert: Israel ist in diesem Weltbild stets der Unterdrücker und die Palästinenser*innen die Unterdrückten. Wer in dieser Logik „gut“ genauer gesagt „böse“ ist, liegt vermeintlich eindeutig auf der Hand.
Entsprechend herrscht ein autoritär geführter Positionierungszwang: Wer nicht gegen „Zionismus“ (und damit gegen Israel) ist, wird als Feind markiert und angegriffen. Dies zeigte der brutale Angriff auf den Studenten Lahav Shapira, der von seinem Kommilitonen krankenhausreif geschlagen wurde.
Zahlen, die alarmieren: Israelbezogener Antisemitismus ist die häufigste antisemitische Erscheinungsform an Hochschulen
Israelbezogener Antisemitismus war auch vor dem 7. Oktober 2023 an Hochschulen in der gesamten Bundesrepublik die am häufigsten dokumentierte Erscheinungsform in der Chronik antisemitischer Vorfälle der Amadeu Antonio Stiftung. Insgesamt wurden in der Chronik seit Beginn im Jahr 2008 78 Vorfälle an Hochschulen dokumentiert, 64 davon im Bereich israelbezogener Antisemitismus. 55 der 64 dokumentierten Vorfälle fanden nach dem 7. Oktober 2023 statt. Die Chronik erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Laut Andreas Stahl von der Beratungsstelle gegen Antisemitismus an Hochschulen in NRW ist israelbezogener Antisemitismus an Hochschulen sogar stärker vertreten als im Durchschnitt der Gesellschaft.
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Interaktive Karte mit 15 beschriebenen Vorfällen
Von der Ablehnung der zionistischen Idee bis zu Einschüchterung und Mordaufrufen
Israelbezogener Antisemitismus äußert sich an Hochschulen vor allem in Form von Antizionismus. Die Absprache des Existenzrechts Israels und damit des jüdischen Rechts auf Selbstbestimmung ist immer antisemitisch. Gleichzeitig ist es antisemitisch, wenn Jüdinnen*Juden, weil sie Jüdinnen*Juden sind, kollektiv beschimpft und für das Handeln Israels verantwortlich gemacht werden.
Mehr Infos hier: Feindbild Zionismus
Häufig an Universitäten zu sehen sind Schmierereien wie „Tod dem Zionismus“, zum Beispiel an einem Kasten vor der Universität in Marburg. Die Forderung nach dem „Tod“ des Zionismus zeigt: Hier wird ein extremes sprachliches Mittel eingesetzt, um die Ablehnung des einzigen jüdischen Staates zu formulieren.
Dieser Vernichtungswunsch wird im nächsten Schritt von der Ideologie konkret und unverhohlen auf Menschen übertragen, wie die Schmiererei „Zionisten töten“ am AStA-Gebäude der Universität Göttingen verdeutlicht. Der bewusst zweideutige Slogan führt zur nächsten Eskalationsstufe: von der Ablehnung eines Staates zum Aufruf, Menschen wegen ihrer Haltung zu töten. Selbst den Mord an zwei Mitarbeiter*innen der israelischen Botschaft in Washington und die „Free Palestine“-Rufe des Attentäters, nutzten Aktivist*innen für Israelhass. In Berlin hängten sie nach dem Mord ein Plakat mit dem Bild eines der Opfer auf und versahen dieses mit der Aufschrift „Make zionists afraid“ sowie einem Hamas-Dreieck nahe der Humboldt Universität. Dieses Plakat instrumentalisiert den Doppelmord zur gezielten Einschüchterung von Jüdinnen*Juden und Zionist*innen.
Mit solchen Aussagen wird nicht (wie häufig behauptet) eine aktuelle Regierung kritisiert, sondern vielmehr ein gesamtes Land als solches delegitimiert. Die Vorfälle befeuern ein antisemitisches Klima an den Universitäten mit einem dichotomen Weltbild, das den ideologischen Rahmen und das Meinungsbild von Studierenden formt. Dadurch sind Aussagen wie „Zionismus ist Faschismus“ an Universitäten auch nicht verwunderlich, weil der israelisch-palästinensische Konflikt als Teil des Nahostkonflikts vor allem über moralische Kategorien wie „gut“ und „böse“ verhandelt wird. Bei einer Störaktion der Veranstaltung „Akademischer Antisemitismus“ an der Universität in Bielefeld riefen antiisraelische Aktivist*innen diese Parole. Wenn in diesem Weltbild „Zionismus“ mit „Faschismus“ gleichgesetzt wird, dann erscheint auch die Ausgrenzung Israels in der Wissenschaft als legitim oder gar notwendig. Genau das fordert insbesondere die BDS-Kampagne.
Von der Theorie zur Praxis: Boykottbeschlüsse und Bedrohungen
Diese Forderungen werden an einigen Hochschulen bereits in die Praxis umgesetzt. Ein Beispiel ist die Humboldt-Universität Berlin. Hier forderte die Studierendenvertretung laut der Frankfurter Allgemeinen „einen Abbruch der Kooperation mit israelischen Hochschulen“. Auch die Studierendenvertretung der privaten Hertie School, einer Elitehochschule in Berlin, beschloss die offizielle Unterstützung der BDS‑Kampagne. Die Vorstandsvorsitzende der Trägerstiftung der Hochschule, die ehemalige CDU-Bundesbildungsministerin Annette Schavan, äußerte Unmut und bezeichnete den Aufruf als „inakzeptabel“.
Von solchen Beschlüssen ist der Schritt zur konkreten Bedrohung seitens der Studierenden gegen Hochschulmitarbeiter*innen, die sich den Boykottaufrufen nicht anschließen, oft nicht weit. Deutlich wurde das an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Antiisraelische Demonstrierende versammelten sich auf dem Campus, riefen zur Vernichtung Israels auf und schmierten auf den Boden Drohungen gegen den Hochschulpräsidenten Enrico Schleiff. Zu lesen war hier: „Schleiff, Schleiff, you can’t hide, you’re supporting genocide“. Schleiff ging zuvor eine Kooperation mit einer israelischen Universität ein.
Wohin dieses Klima führt, zeigt ein Vorfall in Frankfurt am Main: Ein Jude fuhr zufällig mit dem Fahrrad an einem sogenannten „Palästina-Camp“ an der Universität vorbei. Aufgrund seiner jüdischen Kleidung, bestehend aus einem Gebetsmantel (Tallit) und den sichtbaren Fäden (Zizijot), wurde er unter anderem mit den Worten „Du hast gerade ein Kind getötet, Zionist!“ beschimpft. Allein der Anblick eines Juden, der als solcher zu erkennen ist, genügte den Aktivist*innen des Palästina-Camps, ihn sinngemäß als „Kindermörder“ zu beschimpfen.
Beide Vorfälle zeigen: Wer als jüdisch oder als Unterstützer Israels markiert wird, muss mit Anfeindungen und Bedrohungen rechnen.
Täter-Opfer-Umkehr: Israel als neues Nazi-Deutschland?
Dahinter steht dieselbe Logik wie hinter den Boykottforderungen: Sie zielen auf die Isolation Israels ab, aber treffen gleichzeitig auf jede*n einzelne*n Jüdin*Juden in Deutschland. Israel wird als besonders verbrecherisch dargestellt. Es ist Täter-Opfer-Umkehr, wenn Israel und seine Bevölkerung mit den Nationalsozialist*innen gleichgesetzt werden und gleichermaßen die Situation der Palästinenser*innen mit jener der Jüdinnen*Juden in der Shoah. Ein Studierender einer Hochschulgruppe verdeutlichte dies bei einer Veranstaltung mit dem Titel „Wie wir die Intifada globalisieren“ an der Freien Universität in Berlin: „Was ist der Unterschied zwischen den Juden vor 80 Jahren und den Palästinensern heute? Beide haben Gewalt erlebt und beide müssen ihr Leben immer noch rechtfertigen“. Dadurch nivelliert er die spezifische historische Konstellation der Shoah – insbesondere die systematische antisemitische Vernichtung der europäischen Jüdinnen*Juden durch das NS‑Regime. Das ist kein Einzelfall an der FU. Auch die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese bediente sich bei einem Vortrag dort ähnlicher Vergleiche, wie die Jüdische Allgemeine unter Berufung auf die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) berichtete. Albanese habe angedeutet, dass in Gaza eine ähnliche Entwicklung wie in Europa zur Zeit des Nationalsozialismus drohe, und damit Israel und das nationalsozialistische Deutschland auf eine Ebene gestellt.
Doch es bleibt nicht bei solchen Vergleichen. In einigen dokumentierten Fällen bedienen sich als progressiv verstehende Studierende sogar direkt des Jargons der NationalsozialistInnen. So war an einer Toilettenwand der Universität Freiburg in Abwandlung des aus dem 19. Jahrhundert stammenden Satzes von Heinrich von Treitschke, „Die Juden sind unser Unglück“, zu lesen: „Die Juden sind euer Unglück“.
Terror-Glorifizierung, der neue „Antifaschismus“?
Die wiederholte Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus verfestigt ein Deutungsmuster, in dem Israel als paradigmatisch illegitimer, genauer gesagt verbrecherischer Staat erscheint. Dadurch verändert sich die Wahrnehmung des einzigen jüdischen Staates: Israel wird nicht mehr nur kritisiert, sondern als alleiniger Täter dämonisiert, gegen den jeglicher Widerstand legitim sei. Der Terrorismus der Hamas wird als „heldenhafter Widerstand“ dargestellt. Dies zeigte eine Ausstellung an der Kunsthochschule in Kassel. Eine Studentin stellte hier das Exponat „But there will be resistance“ des Künstlers Mohammad Zakaria aus. Zakaria bezeichnet die Hamas in den sozialen Medien als „einfache Männer“ und „Superhelden“. Damit ist er nicht allein: Als in Berlin Studierende ein Zeichen gegen Antisemitismus setzten, indem sie den Plenarsaal des AStA der Technischen Universität friedlich besetzten, wurden sie am letzten Tag der Besetzung von antiisraelischen Studierenden mit Kufiya eingeschüchtert. Nachdem sich diese Gruppe zurückgezogen hatte, war an den Wänden des Druckerraums unter anderem „Glory to Hamas“ zu lesen.
Nicht jede Person, die solche Slogans verwendet, übt auch tatsächlich aktiv Gewalt aus. Wo jedoch Israel pauschal dämonisiert, Zionist*innen oder Jüdinnen*Juden entmenschlicht oder Gewalt gegen sie gefordert wird, überschreitet dies eindeutig die Grenze von Kritik an der Politik Israels zu antisemitischer Hetze.
Was macht die Lage an Hochschulen so schlimm?
Die Aggressivität und Lautstärke antiisraelischer Studierender sorgen für Angst und Unsicherheit bei jüdischen Studierenden auf dem Campus. Alexandra Krikoukov, Vizepräsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), beschreibt dieses Klima gegenüber dem Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e. V. (JFDA) als belastend. Die Forderung nach einer „Intifada“ impliziere immer den Mord an Jüdinnen*Juden. Solche Aufrufe ließen ein sorgloses Studium nicht zu. Dieses Klima hat direkte Auswirkungen auf den Alltag jüdischer Studierender. Viele passen ihr Verhalten bereits an, um sich zu schützen.
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Jüdische Studierende verbergen mittlerweile aus Angst vor Übergriffen ihre jüdische Identität. Sie verstecken ihre Davidsternkette, tragen keine Kippa und erwähnen familiäre Verbindungen nach Israel nicht. Teilweise meiden sie den Campus sogar vollständig, weil unklar ist, an welchen Orten Gefahr besteht und ob ihnen in Lehrveranstaltungen antisemitischer Hass begegnen könnte. Dieser Umstand führt dazu, dass sich jüdische Studierende sozial isolieren und nicht mehr sicher sind, ob sie eine Zukunft in Deutschland haben. Das American Jewish Committee (AJC) und der JSUD beschreiben in ihrem Lagebericht „Antisemitismus an deutschen Hochschulen“ diese verheerende Situation und die daraus resultierenden Alltagsfolgen für Jüdinnen*Juden.
Mangel an Präventions- und Interventionsstrukturen
Kurz nach dem 7. Oktober 2023 fehlte es laut AJC an den meisten Universitäten an Antisemitismusbeauftragten und geeigneten Anlaufstellen für Studierende, die antisemitische Vorfälle erlebt hatten. Hinzu kam, dass Mitarbeitende in der allgemeinen Studierendenberatung und Antidiskriminierungsbeauftragte mit dem Thema Antisemitismus teilweise überfordert waren. Auch wirkten Hochschulleitende hilflos und verwiesen bei Universitätsbesetzungen teilweise auf die akademische Rede- und Meinungsfreiheit. Hochschulleitungen, die sich klar gegen den Terror der Hamas positionierten, mussten mit Anfeindungen rechnen. So forderte der damalige Präsident der Universität der Künste, Norbert Palz, bei einer antiisraelischen Protestaktion als rote Linie, die Terrorakte der Hamas nicht zu verharmlosen: „Das heutige Event will auf keinen Fall, nicht mal implizit, die Terrorakte der Hamas legitimieren“. Daraufhin buhten ihn antiisraelische Studierende aus und verbreiteten ein Fahndungsplakat mit der Aufschrift „WANTED Norbert Palz silent on genocide“, wie das JFDA berichtete.
Bis heute hat es Bayern als einziges Bundesland geschafft, an all seinen 33 Hochschulen Antisemitismusbeauftragte einzusetzen. Allerdings wurden diese Ämter häufig an Hochschulpersonal übertragen, das zwar bereits im Bereich Antidiskriminierung tätig war, jedoch nicht unbedingt über ein fundiertes Wissen hinsichtlich Antisemitismus verfügte. Der jüdische Hochschulprofessor Guy Katz berichtete, dass er sich anders als die meisten anderen, freiwillig für dieses Amt meldete. In einem Kommentar der Jüdischen Allgemeinen erklärte er: „Jemand muss die jüdische Perspektive direkt einbringen. Als Professor. Als Jude. Als jemand, der erlebt hat, wie sich Antisemitismus auf dem Campus anfühlt“.


