Content Warning: Der Text enthält rechtsterroristische, antisemitische, rassistische und misogyne Inhalte sowie Beschreibungen von Gewalt. Zudem werden Inhalte aus einem Manifest der mutmaßlichen Täter zusammengefasst und eingeordnet.
Am Montagabend eröffneten zwei junge Männer das Feuer auf das Islamic Center in San Diego. Drei Menschen wurden an der Moschee getötet, darunter ein Sicherheitsmitarbeiter. Laut dem örtlichen Polizeichef verhinderte der getötete Sicherheitsmitarbeiter offenbar noch Schlimmeres. Durch sein Eingreifen habe er die Täter aufgehalten und abgelenkt, sodass sie nicht in den Bereich der Moschee vordringen konnten, in dem sich zeitweise bis zu 140 Kinder aufgehalten hätten.
Die mutmaßlichen Täter, der 17-jährige Cain Clark und der 18-jährige Caleb Vazquez, streamten den Anschlag live im Internet. Die beiden Täter wurden später tot in einem Auto gefunden, offenbar durch Suizid. Die Tat reiht sich damit in eine Form digital inszenierten Rechtsterrorismus ein, die stark von der Gamifizierung von Gewalt geprägt ist: Anschläge werden livestreamt, Täter in Rankings verglichen und Todeszahlen wie „Highscores“ behandelt, um Aufmerksamkeit, Nachahmung und weitere Radikalisierung zu erzeugen.
Antisemitische Tat in Halle: Die „Gamification“ des Terrors – Wenn Hass zu einem Spiel verkommt
Atomwaffen Division
Ein 75-seitiges Manifest sowie der Livestream der Tat zeigen eindeutig Bezüge zu neonazistischen und akzelerationistischen Online-Milieus rund um Terrorgram und die Atomwaffen Division. Die Täter trugen Patches der Gruppe und auch das Manifest, das die Symbole der Atomwaffen Division zeigt.
Die tödliche Ideologie der Atomwaffen Division wird hauptsächlich über Telegram-Chats, Discord-Servern, Manifesten und Memekulturen verbreitet. Zentral ist dabei die Vorstellung eines bevorstehenden „Rassenkriegs“, der durch Terroranschläge beschleunigt werden soll. Gewalt wird nicht nur verherrlicht, sondern als politische Strategie verstanden.
„Sons of Tarrant“
In einem vor dem Anschlag veröffentlichten Manifest, das Caleb Vazquez mutmaßlich verfasst haben soll, möglicherweise unter Einsatz von KI, bezeichneten sich die Täter als „Sons of Tarrant“. Die Formulierung bezieht sich auf Brenton Tarrant, der 2019 im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen in zwei Moscheen ermordete.
Tarrant sowie weitere rechtsterroristische Attentäter werden darin zu „Heiligen“ stilisiert, ein typisches Motiv rechtsterroristischer Online-Milieus, in denen frühere Täter glorifiziert und als Vorbilder für Nachahmer inszeniert werden. Der Anschlag selbst erscheint dabei wie ein makabres Spiel: Todeszahlen werden in Rankings und „Highscores“ gedacht, die „Effizienz“ von Attentätern bewertet und frühere Täter als Messlatte für kommende Anschläge behandelt. Ziel ist es, den letzten Attentäter zu übertreffen und Teil einer fortlaufenden digitalen Terror-Erzählung zu werden.
Solche Terroristen sind keine Einzeltaten
Das 75-seitige Manifest bündelt nahezu alle Ideologien moderner rechtsterroristischer Online-Milieus: Neonazismus, Antisemitismus, Incel-Hass, White Supremacy und Accelerationism. Immer wieder beschreibt der Autor die Vorstellung eines bevorstehenden „Rassenkriegs“, der durch Terroranschläge bewusst beschleunigt werden soll.
Auffällig ist vor allem, wie offen hier auf frühere rechtsterroristische Attentäter Bezug genommen wird. Das Manifest reiht sich damit direkt in eine transnationale rechtsterroristische Online-Kultur ein, in der Anschläge nicht als Einzeltaten verstanden werden, sondern als Teil einer gemeinsamen Bewegung.
„Brenton Tarrant Memetic Warfare“: Der globale Rechtsterrorismus von /pol/ auf den chan-Foren
Die Ideologie: Akzelerationismus – der schnelle Weg in den Bürgerkrieg
Caleb Vazquez beschreibt sich im Text als Anhänger einer offen neonazistischen und akzelerationistischen Ideologie. Er grenzt sich sowohl von linken als auch von konservativen oder rechtspopulistischen Strömungen ab und bezeichnet sich stattdessen als „Third Positionist“, der sich an Nationalsozialismus und „Ökofaschismus“ orientiere.
Zentral sind dabei ethnonationalistische Vorstellungen, die Idee „rassischer Homogenität“ sowie die Ablehnung demokratischer Politik. Religion spiele für ihn laut Manifest keine Rolle mehr, entscheidend sei allein die Identifikation mit einer angeblichen „weißen Rasse“. Zudem deutet der Text eine starke Einbindung in digitale rechtsextreme Online-Milieus an, in denen akzelerationistische Gewaltfantasien und White-Supremacy-Ideologien verbreitet werden. Einer der verwendeten Usernamen von Vazquez verweist zudem auf die sogenannte „Groyper“-Bewegung rund um den US-Rechtsextremisten Nick Fuentes, ein digitales extrem rechtes Milieu, in dem Neonazismus, Meme-Kultur und Incel-Ideologien ineinander übergehen.
Groyper und die Cyber-Nazis: Von fetten Fröschen und rechtsextremen “Dissidenten”
Im Manifest bezeichnet sich Vazquez ausdrücklich als „Akzelerationist“. Gemeint ist damit eine rechtsterroristische Ideologie, die gesellschaftliche Konflikte und Gewalt gezielt verschärfen will, um einen Zusammenbruch des politischen Systems und einen sogenannten „Rassenkrieg“ auszulösen.
Zwar bezieht sich der Text positiv auf extrem rechte Bewegungen und Milieus wie, Patriot Front, America First oder neonazistische Netzwerke, gleichzeitig wird ihnen jedoch vorgeworfen, zu sehr auf Protest, Wahlen oder politische Einflussnahme zu setzen. Stattdessen propagiert das Manifest eine vollständige Eskalation und revolutionäre Gewalt als angeblich einzigen „wirksamen“ Weg.
Christchurch-Attentäter als Inspirationsfigur
Im Manifest wird der Christchurch-Attentäter Brenton Tarrant als zentrale Inspirationsfigur glorifiziert. Der Text beschreibt dessen Anschlag als Wendepunkt für modernen rechtsterroristischen Terror und stilisiert nachfolgende Attentäter wie John Earnest, Patrick Crusius oder den Deutschen Stephan Balliet als Teil einer gemeinsamen Bewegung. Frühere Anschläge erscheinen darin nicht als Einzeltaten, sondern als Teil einer fortlaufenden rechtsterroristischen Bewegung, die sich digital gegenseitig radikalisiert und zur Nachahmung motiviert.
Inhaltlich greift das Dokument zentrale Narrative der rechtsextremen und Neuen Rechten auf: den Mythos eines angeblichen „Great Replacement“, des angeblichen „Großen Austausches“, antisemitische Erzählungen über jüdische Kontrolle von Medien und Politik sowie offene Holocaustleugnung. Immer wieder werden Jüdinnen und Juden als angeblicher Ursprung gesellschaftlicher Krisen dargestellt.
Hass auf Juden als treibende Kraft
Nach der Danksagung an andere Rechtsterroristen beginnt das Manifest mit folgenden Worten: Alle Probleme lassen sich „jedoch auf eine einzige Gruppe zurückführen oder werden von ihr verursacht: die Juden. ES SIND DIE JUDEN, ES SIND DIE JUDEN, ES SIND DIE JUDEN, ES SIND DIE JUDEN.“ Ein klassisches antisemitisches Weltbild, das sich durch das gesamte Manifest zieht.
Daneben spielt auch misogyn geprägte Incel-Ideologie eine zentrale Rolle. „Nach den Juden ist die Frau das bösartigste Wesen auf dieser Welt. Das liegt daran, dass Frauen, direkt nach Juden, angeblich die meisten Probleme der Welt verursachen,“ so steht es im Manifest.
Frauen erscheinen darin als Feindbild und Projektionsfläche für Gewaltfantasien. Sexuelle Zurückweisung wird politisiert und mit Gewaltfantasien aufgeladen. Der Text greift dabei zahlreiche Begriffe und Narrative aus der misogynen Incel-Ideologie auf. Besonders deutlich wird die Gewaltverherrlichung in Sätzen wie: „Also gebt ihnen, was sie wollen – zeigt ihnen diesen Incel-Hass, von dem sie ständig reden. Die Revolution wartet.“
Diese Mischung aus Frauenhass, Opferinszenierung und rechtsextremer Ideologie ist typisch für neuere digitale Radikalisierungsmilieus, in denen sich Neonazi-, Gamer-, Meme- und Incel-Subkulturen überschneiden.
Menschen werden zu „Invasoren“: Abwertende Sprache führt zu Gewalt
Im Manifest heißt es: „Was ich hasse, ist die Religion des Islam selbst, und noch mehr hasse ich es, sie hier zu sehen, wie sie mein Land ‚invasieren‘.“ An mehreren Stellen beschreibt der Text Musliminnen und Migrantinnen als „Invasoren“, eine Sprache, die längst auch von rechtsextremen Parteien und Akteur*innen in Deutschland genutzt wird.
Das Manifest zeichnet ein offen rassistisches und antimuslimisches Feindbild. Muslimische Menschen und Migrant*innen aus dem Nahen Osten werden pauschal als Bedrohung für westliche Gesellschaften dargestellt. Der Islam erscheint darin als grundsätzlich „unvereinbar“ mit dem Westen, verbunden mit der rechtsextremen Verschwörungserzählung eines angeblichen „Bevölkerungsaustauschs“ und der Vorstellung einer gezielten „Ersetzung“ der weißen Bevölkerung. Gewalt, Terrorismus und sexualisierte Gewalt werden kollektiv Muslim*innen zugeschrieben, um Angstbilder zu erzeugen und Gewaltfantasien zu legitimieren. Typisch für akzelerationistische Online-Milieus nutzt der Text reale Anschläge und Krisen, um pauschale Hetze gegen ganze Bevölkerungsgruppen zu rechtfertigen und ein Gefühl permanenter Bedrohung zu inszenieren. In einem weiteren Abschnitt verbreitet der Täter offen biologistischen und pseudowissenschaftlichen Rassismus.
Trump ist ihnen nicht radikal genug
Die MAGA-Bewegung rund um Donald Trump gilt dem Täter als zu kompromissbereit und ineffektiv. Trump erscheint darin nicht als „Retter“ der extremen Rechten, sondern als Teil eines angeblich korrumpierten politischen Systems. Auch konservative, „alt-right“- oder rechtspopulistische Akteure werden als zu moderat verspottet, weil sie laut Manifest versuchten, gesellschaftlich anschlussfähig zu bleiben, statt offen neonazistische Positionen zu vertreten. Der Text zeigt damit eine ideologische Radikalisierung, die selbst große Teile der extremen Rechten als zu „weich“ oder systemnah betrachtet.
Terror soll zum Nachahmen animieren
Ebenso wie andere akzelerationistische Terrortaten soll auch dieser Anschlag gezielt Nachahmer mobilisieren. Im letzten Teil des Manifests finden sich konkrete Empfehlungen an zukünftige Täter: wie Anschläge geplant, gefilmt und möglichst effektiv verbreitet werden sollen. Gewalt erscheint dabei nicht nur als Mittel zum Töten, sondern als Teil einer digitalen Strategie.
Das Manifest zeigt exemplarisch, wie stark heutiger Rechtsterrorismus von Internetkulturen geprägt ist. Die Täter beziehen sich auf Discord, Telegram, Memes, „shitposting“ und Livestreams. Der Anschlag selbst wird zum Content, der weiterverbreitet, memefiziert und zur weiteren Radikalisierung genutzt werden soll. Frühere Attentäter erscheinen als Vorbilder, Todeszahlen als „Highscores“, die es zu übertreffen gilt.
Nach der akzelerationistischen Ideologie soll Gewalt Angst, Gegengewalt und weitere Radikalisierung provozieren, um demokratische Gesellschaften gezielt zu destabilisieren. Antisemitismus, antimuslimischer Hass, Rassismus, Frauenhass und nihilistische Gewaltfantasien verschmelzen dabei mit Meme-Kultur und digitaler Propaganda zu einer transnationalen rechtsterroristischen Online-Bewegung, die Gewalt bewusst ästhetisiert und fortsetzen will.
Der Anschlag selbst wird zum Content
Der Anschlag reiht sich damit in eine Serie rechtsterroristischer Taten ein, die sich gegenseitig referenzieren, ästhetisch ähneln und digital verstärken. Die Täter radikalisieren sich nicht isoliert, sondern in transnationalen Online-Netzwerken, in denen Gewalt, Ironie, Gaming-Ästhetik und neonazistische Ideologie längst ineinander übergehen.
Dass die Täter ihre Tat offenbar livestreamten, verweist zudem auf eine Entwicklung, die spätestens seit Christchurch bekannt ist: Terror wird nicht nur vor Ort ausgeübt, sondern für digitale Öffentlichkeiten inszeniert.


