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Strategien und Typologisierung von Hate Groups

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Eine Frau kritisiert in YouTube-Videos Sexismus in Computerspielen? Damit kann man eine Menge Hass im Netz erzeugen, erfuhr Anita Sarkeesian. Sie war ein Ziel der hasserfüllten #Gamergate-Kampagne auf Twitter. (Quelle: Screenshot Youtube)

Von Yasmina Banaszczuk, Netzwerkforscherin

Manchen hilft es, transparent zu machen, was ihnen passiert, um sich Luft zu machen oder nach Hilfe zu fragen. Andere wiederum fahren gut damit, sich von außen Unterstützung zu holen beim Abblocken von Angriffen und beim Aufbau einer Schutzblase. Wieder anderen fehlt es an Ressourcen dafür: Sie bleiben lieber still, ziehen sich zurück oder ertragen stumm. Erfahrungsgemäß gibt es zwar Tendenzen dafür, was ein hilfreicher oder konstruktiver Umgang mit Hass ist – letztendlich muss jede_r Betroffene allerdings für sich selbst entscheiden, was ertragbar ist und wie die persönliche »Self Care« aussieht. Dabei kann ein Verhalten, das der Bewegung insgesamt nützt (etwa das Ignorieren aller Angriffe), für die Einzelperson schlimme Folgen haben. Aktivist_innen sind somit nicht nur mit den Anfeindungen selbst belastet, sondern auch mit den Erwartungen Dritter, sich als Vertreter_innen z.B. des Feminismus »richtig« verhalten zu müssen. Umso wichtiger scheint es, sich die Mechanismen von Hate Groups genauer anzusehen.

Wie funktionieren Hate Groups?

Die Wissenschaftlerin Jennifer Allaway klassifizierte 2014 unter Zuhilfenahme des Rahmenwerks von Linda Woolf und Michael Hulsizer »Hate Groups for Dummies: How to Build a Successful Hate Group« die frauenfeindliche #Gamergate-Bewegung als Hass-Gruppe. Das Ziel der Hetzkampagne von #Gamergate: Frauen, die sexistische Darstellungen in Videospielen angeprangert haben. Analog zum Untersuchungsdesign von Woolf und Hulsizer lassen sich nun verschiedene Schritte identifizieren, wie Hass-Gruppierungen im Netz agieren:

1. Führung

2. Rekrutierung

3. sozio-Psychologische Techniken

4. Entmenschlichung

Auch in Deutschland lassen sich diese Schritte beobachten. Die Studie der Heinrich-Böll- Stiftung »Die antifeministische Männerrechtsbewegung: Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung« (2012) liefert wichtige Informationen zu den Funktionsweisen von antifeministischem Hass im Netz.

1. Agitation und Führung

Der Hass-Gruppe geht es um langfristige Ziele: Die Führung hat einen guten Überblick über die aktivistische Szene und versucht gezielt mit Behauptungen und Verleumdungen dem aktivistischen Ziel zu schaden. Persönliche Angriffe auf Aktivist_innen finden von ihnen immer im Kontext der Bewegung statt. Von außen ist es erst einmal schwierig, eindeutige Anführer zu erkennen, da das Netz viel Anonymisierungspotenzial bietet. Durch Studien wie die der Böll-Stiftung wissen wir aber, dass Männerrechtsbewegungen 19 zumindest rechts offen sind. Zu den Zielen von strategisch denkenden Anführern antifeministischer Gruppen gehört immer auch, Aktivist_innen langfristig verstummen zu lassen (»Silencing«).

2. Rekrutierung

Während die Agitatoren mit Verleumdungen und gezielten Desinformationen (»Der Feminismus will Männer unterdrücken« etc.) den misogynen Nährboden bereiten, werden in der Rekrutierung nun Menschen an Bord geholt, die sich vom aktivistischen Engagement bedroht, überholt oder ignoriert fühlen. Die Hass-Gruppierung macht es für sie sozial akzeptabel und sicher, sich antifeministisch, rassistisch oder schlicht persönlich beleidigend zu äußern. Dadurch, dass die Agitation oft in vermeintlich sachlichem Tonfall stattfindet, erfahren Aufspringende eine Legitimation und Kanalisation ihres Frusts. Je mehr rekrutiert werden, desto mehr Legitimation erfährt die Bewegung – so falsch kann es ja nicht sein, wenn sich viele beteiligen. Ein Beispiel für dieses Denkmuster zeigt nicht zuletzt der Zulauf, den die selbst ernannte »Pegida«-Bewegung Ende 2014 erfuhr. Durch diese Rekrutierungsstrategien gewinnen Hass-Gruppen eine kritische Masse, die im nächsten Schritt dazu führt, dass die Betroffenen von Hass überrollt werden.

3. Sozio-psychologische Techniken / Propaganda

Techniken/ Propaganda In der Phase der Propaganda wird die Gruppenidentität geprägt. Das Feindbild wird erschaffen: Aktivist_innen mit vermeintlich unehrbaren Absichten. Die Hass-Gruppe weiß genau, warum sich manche feministisch engagieren (»Geld«, »Aufmerksamkeit«, »Hass auf Männer/Deutsche/Weiße/…«), es geht nun darum, sie zu »entlarven«. Das ist auch der Punkt, an dem Informationen zusammengetragen werden, die das Netz über die im Visier stehenden Personen bietet. Insbesondere Frauen werden psycho-analysiert: Von missglückten Karrieren über unglückliche Beziehungen bis hin zu einem angedichteten schlechten Sexleben gibt es die absurdesten Theorien über die Hintergründe des Engagements. Das eigene Privatleben in derart ekelhafter und falscher Weise öffentlich diskutiert zu sehen, verletzt und zermürbt Aktivist_innen. Mit dieser Strategie geht es der Hass-Gruppe zudem darum, sich selbst als im Vergleich »pure« Vereinigung mit ehrbaren Absichten darzustellen.

4. Entmenschlichung

Nun bekommen all jene ihren Auftritt, die eine große Wut im Bauch verspüren: auf alle, die sie und ihre Privilegien bedrohen, auf die Welt, auf Frauen, auf Schwarze – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Wie in die Ecke getriebene Tiere beißt die derart angewachsene Hass-Gruppe um sich. Attacken werden vollkommen unberechenbar und reichen von Beschimpfungen über Drohungen bis hin zu Stalking. Die Wut entlädt sich – und das nach Empfinden der Hass-Gruppe auch vollkommen zu Recht. Schließlich sind es ja »nur Feminist_innen und Aktivist_innen«, die hier verletzt werden. Erst, wenn die Betroffenen aufhören, sich zu engagieren oder in ihrem Engagement aufhören zu existieren, ist das Ziel erreicht. Dass dahinter Menschen stecken, wird verdrängt. Die beschriebenen Phasen überlagern sich, finden parallel statt, wiederholen sich. Auch wenn ich hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe, liefert das beschriebene Rahmenwerk doch gute Anhaltspunkte, um die Gruppierungen hinter den Hasswellen im Netz zu verstehen. Es handelt sich eben nicht um randomisierte Vorkommnisse, sondern vielmehr um organisierte und geplante Aktionen. Das zu verstehen ist gerade für Dritte wichtig, die allzu häufig den »Devil’s Advocate« spielen wollen oder für die jene Kräfte zehrenden Kämpfe im Netz lediglich amüsante bis interessante Ereignisse sind. Solidarität, Vertrauen und Unterstützung bieten hier wichtige Ressourcen für Aktivist_innen, für die das Hinterfragen der eigenen Handlungen vor der Kulisse immerwährender Hasswellen traurige Realität ist.

 

 

Wie umgehen mit dem Hass im Netz? 

Dieser Frage widmen wir uns im Schwerpunkt April 2015 auf netz-gegen-nazis.de. Der Schwerpunkt April 2015 zu „Hate Speech“ basiert auf der Broschüre „Geh sterben!“ – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet, die gerade in unserem Partner-Projekt no-nazi.net der Amadeu Antonio Stiftung entstanden ist.

| Mehr zur Broschüre hier| Download (pdf)

 

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| „Ich weiß nicht, was Nazis sein sollen, getroffen habe ich noch keinen“- Rechtsextreme Argumentationsmuster im Internet

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